Eine Hannoversche Ausweisung

In des Somme milden Tagen
denkt kein Mensch an Jagd und Hirsch:
in den Wäldern, in den Hagen
bleiben friedlich Has´ und Hirsch.

Nur auf mich hat man gefahndet,
nur auf mich die Meut´ entsandt,
und noch eh´ ich es geahndet,
mich ergriffen und verbannt.

Und so ward ich denn vertrieben
und der Heimat schnell entwandt –
doch zum Trost ist mir geblieben
noch mein großes Vaterland.

Meine Heimat kann ich meiden,
Leben kann ich ohne sie:
aus dem Leben kann ich scheiden,
aus dem Vaterlande nie.

17. Februar 1854 (aus dem Nachlaß)

In der Fremde

Wie lange soll ich noch fern dir sein?
O Heimat!
Ich habe vergebens gewünscht und gehofft,
Vergebens nach dir mich gesehnt so oft,
O Heimat!

Wer fühlt mein Leiden, wer tröstet mich?
0 Heimat!
Wer stillet mein heißes Verlangen nach dir?
Wer trocknet die Träne des Heimwehs mir?
0 Heimat!

Und werd´ ich nimmer dich wiederseh´n?
0 Heimat!
Die Jugendgespielen nicht wieder einmal,
Nie wieder mein Dorf in dem stillen Tal?
0 Heimat!

Und werd´ ich nimmer dich wiedersehn?
0 Heimat!
Ach, ohne dich gibt es kein Leben für mich!
Ich war ja so glücklich und war´s durch dich –
0 Heimat!

Hans Joachim Malecki nahm dieses Gedicht in seine Sammlung “ Ein Gärtlein weiß ich noch auf Erden “ auf, daß überwiegend Kinderlieder enthält

So mußt ich fliehn aus meiner Heimat

So mußt ich fliehn aus meiner Heimat –
nur meine Sehnsucht kreiste stumm,
wie der verjagte Adler kreiset,
um sein zerstörtes Nest herum.

Es wollte keine Hoffnung grünen
hinieden dem Verbannten mehr;
dem Heimatlosen blieb verboten
zur Heimat jede Wiederkehr.

Wie wehrend mit dem Flammenschwerte
vorm Paradies der Engel stand:
so wehrten Jahre lang Gensdarmen
den Eingang mir ins Heimatland.

Da scholl ein Glöcklein aus der Ferne:
Wach auf, mein Volk, im Freiheitsglück !
Und donnernd stürzte die Lawine
der Tyrannei ins Nichts zurück.

Und Frühling ward es aller Orten,
und Frühling ward es auch für mich,
und Blumen blühten in der Heimat,
und jede rief: wir grüßen dich !

Text: Hoffmann von Fallersleben – 1848
Siehe dazu Hoffmanns Autobiografie

Heut noch sind wir hier zu Haus

Heut noch sind wir hier zu Haus,
Morgen geht´s zum Tor hinaus,
Und wir müssen wandern, wandern,
Keiner weiß vom andern.

Lange wandern wir umher
Durch die Länder kreuz und quer,
Wandern auf und nieder, nieder,
Keiner sieht uns wieder.

Und so wandr´ ich immer zu,
Fände gerne Rast und Ruh,
Muß doch weiter gehen, gehen,
Kält und Hitz ausstehen.

Manches Mägdlein lacht mich an,
Manches spricht: „Bleib lieber Mann!“
Ach ich bliebe gerne, gerne,
Muß doch in die Ferne.

Und die Ferne wird mir nah:
Endlich ist die Heimat da!
Aber euch, ihr Brüder, Brüder,
Seh ich niemals wieder.

Text: 1. Strophe anonym , 2.- 5. Strophe von Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874), Mai 1848
Melodie: aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

www.ingeb.org merkt folgendes dazu an: Die 1. Strophe und Melodie waren Ludwig Erk um 1843 als Volkslied bekannt; er hat sie 1845 in seinen „Volksklängen“ veröffentlicht –  2. bis 5. Strophe 1848 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben dazugedichtet und mit der Volksweise in seinem „Volksgesangbuch“ Leipzig 1848 herausgegeben.
Die ersten 4 Takte sind bei mehreren slawischen Volksliedern anzutreffen, so auf deutschem Boden bei „Saß auf der Linde hier“ und (aus Dubring) „Kukiz ist ein kleiner Ort“ in Haupt-Schmalers „Volkslieder der Wenden in der Ober-Lausitz“ I, Grimma 1841, sowie bei „Mädchen, warum weinest du“ (1880 aus Enskehmen bei Stallupönen) in Christian Bartsch´

Der Störche Wanderlied

Fort, fort, fort und fort
an einen andern Ort
Nun ist vorbei die Sommerzeit
drum sind wir Störche jetzt bereit
von einem Land zu andern
zu wandern

Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Bauern lebet wohl!
Ihr gabt zur Herberg´ euer Dach
Und schütztet uns vor Ungemach:
Drum sei euch Glück und Frieden
Beschieden.

Du, du, du und du,
Leb wohl, du schöner Teich!
Du hast an deinen Ufern oft
Verliehn, was unser Herz gehofft.
Dein denken wir von ferne
Noch gerne.

Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Frösche lebet wohl!
Ihr habt uns oft Musik gemacht
Und uns mit manchem Schmaus bedacht.
Lebt wohl, auf Wiedersehen!
Wir gehen.

Fort, fort, fort und fort
An einen anderen Ort!
Nun ist vorbei die Sommerzeit:
Drum sind wir Störche jetzt bereit
Von einem Land zum andern
Zu wandern.

1844 auf die Melodie: Es, es, es und es

Das Lied vom deutschen Ausländer

Ein Knabe lernte ein Gebet,
das sprach er täglich, früh und spät,
Er sprach es wo er ging und stand,
zu Gott empor für´s Vaterland:
Kein Österreich, kein Preußen mehr!
Ein einig Deutschland, groß und hehr,
Ein freies Deutschland Gott bescher !
Wie seine Berge fest zu Trutz und Wehr

Und als der Knabe ward ein Mann,
Da tät man ihn sofort in Bann,
Man schickt ihn flugs aus Preußen fort,
weil er laut sprach einst das Wort:
Kein Österreich, kein Preußen mehr!
Ein einig Deutschland, groß und hehr,
Ein freies Deutschland Gott bescher!
Wie seine Berge fest zu Trutz und Wehr

Wie er aus Preußen war verbannt,
da nahm ihn auf kein Deutsches Land;
Er durfte nicht einmal hinein in Reuß,
Greiz-Schleiz und Lobenstein.
Kein Österreich, kein Preußen mehr!
Ein einig Deutschland, groß und hehr,
Ein freies Deutschland Gott bescher!
Wie seine Berge fest zu Trutz und Wehr

Leb wohl, rief er der Heimat zu,
wo man mir gönnt nicht Rast noch Ruh,
wo ich zuletzt kein Fleckchen fand,
zu beten für mein Vaterland:
Kein Österreich, kein Preußen mehr!
Ein einig Deutschland, groß und hehr,
Ein freies Deutschland Gott bescher!
Wie seine Berge fest zu Trutz und Wehr

Und als er auf dem Rigi stand,
jetzt neununddreißig Mal verbannt,
Sang er in Lieb´ und Zorn entbrannt:
Was ist des Deutschen Vaterland ?
Ein Österreich, ein Preußen nur!
Von d e u t s c h e r Freiheit keine Spur!
Und reget sich ein Mäuslein nur,
gleich packt´s die Polizei und die Zensur

Hoffmann erwähnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich, daß das alte Lied von Ernst Moritz Arndt „Was ist des Deutschen Vaterland“ zu dieser Zeit erlaubt ist, sein Lied “ Deutschland Deutschland über alles “ war zu dieser Zeit halb legal. Sein Buch “  Deutsche Lieder aus der Schweiz“ , in dem “ Das Lied der Deutschen “ abgedruckt war, war verboten und gerade deshalb ja in der Schweiz gedruckt worden, weil er in Deutschland nichts mehr veröffentlichen konnte außer Kindergedichten. Der Refrain “ Kein Österreich, kein Preußen mehr! „bezieht sich auf einen Ausspruch, den der spätere Reichsverweser Erzherzog Johann von Österreich am 12.9.1842 bei einem militärischen Festmahl im Brühler Schloß getan haben soll: „Kein Preußen, kein Österreich, nur ein einziges Deutschland, fest und stark wie seine Berge.“

Auf Burgen saßen Edelleute

Auf Burgen saßen Edelleute,
wo aber sind die Burgen heute ?
Es wohnt oft ohne Hab´ und Gut
im Tale manches adlig Blut.

Und von der Gütern ihrer Lieben
Ist ihnen nur ein von geblieben;
des alten Namens Herrlichkeit
blieb manchem nur in unserer Zeit.

So bin auch ich von Fallersleben.
Wer wird ein aus mir wiedergeben ?
Ich bin nur von, einst war ich aus,
jetzt hab ich weder Hof noch Haus. 

19. Januar 1840