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Oskar Schade und Weimar (Januar 1854)

1854-01-01

Biographie 1850 bis 1860 - Neuanfang 1854

Mit wenig Hoffnung, aber viel Muth und Arbeit trat ich das neue Jahr (1854) an. In den nächsten Tagen hatte ich die zweite Hälfte meiner Geschichte des Kirchenliedes vollendet. Am 11. Januar brachte ich mein Manuskript zur Post, ging dann an den Rhein und wartete so lange bis der Postbote glücklich am drübigen Ufer angelangt war; im Rhein trieb noch immer viel Eis und die Ueberfahrt war sehr erschwert.

Schade hatte mir bisher noch keine Mittheilung zukommen lassen über den Erfolg seiner Weimarischen Reise. Den 13. Januar schrieb er mir von Bonn:

... Ich hatte, auf des Großherzogs Pläne eingehend, die Proposition gemacht, wir wollten beide zusammen, Sie und ich, die geplante Zeitschrift für Deutsche Sprache und Literatur in Weimar arbeiten, daneben noch ein Literarhistorisches Taschenbuch und einen Musenalmanach ins Werk setzen. Zur Unterstützung, damit wir nicht zu hohes Redactionsgehalt zu nehmen brauchten um das Werk leichter ausführbar zu machen, sollte der Großherzog einem Jeden von uns ein Jahrgehalt von 500 Rb. zusichern, vorausgesetzt daß Sie Ihr preußisches Wartegeld behielten. Sie hätten also gegen 900 Rb. gehabt und konnten dafür gut leben. Es war für Sie keinerlei Stelle offen und Sie würden dann noch Großherzogl. Weimarischer Hofrath geworden sein. Der Großherzog war geneigt, sehr geneigt aus den Plan einzugehen und ich habe Alles aufgeboten, etwaige Besorgnisse zu zerstreuen, die man in Bezug auf Sie haben könnte wegen Ihrer politischen Vergangenheit. Sie hätten keinen besseren Fürsprecher haben können ....

Ich war sehr erstaunt, daß der Herr Doctor so ohne Weiteres für mich und über mich und am Ende mich selbst verhandelt hatte. Ich hatte ihm durchaus keinen Auftrag gegeben, ja sogar mich noch in einem Briefe am 15. December gegen alle derartigen Bemühungen für mich entschieden ausgesprochen, freilich hatte dieser Brief ihn nicht mehr in Bonn getroffen.

Unterdessen arbeitete ich rüstig fort. Den 18. Januar vollendete ich mein 13. Neuwieder Buch, die Pars X. der Horae Belgicae und am 22. erhielt ich die letzte Correctur der Pars IX., die auch unter dem Titel erschien: " Altniederländische Sprichwörter nach der älteste Sammlung ". Gesprächbüchlein, romanisch und flämisch. [69] Herausgegeben von Hoffmann von Fallersleben.‹ (Hannover. Carl Rümpler. 1854. 8°. 99 SS.) Den folgenden Tag sendete ich das Manuscript der Pars X. an Herrn Rümpler . Nebenbei vollendete ich die Abschrift der Sprichwörter des Antonius Tunnicius v.J. 1513.

Am 22. Januar erhielt ich aus Bonn die besten Nachrichten über die Weimarische Angelegenheit. Ich entschloß mich hinüberzureisen. Schade sprach mit großer Freude und Selbstzufriedenheit über seine Weimarische Reise und die glänzenden Erfolge seiner Bemühungen. Er legte mir dann das Schreiben des Herrn von Schober aus Weimar vor:

In demselben war ausgesprochen, daß der Großherzog es gern sehen würde, wenn Schade in Weimar im Anschluß an die Göthestiftung, welche in Weimar ins Leben gerufen werden sollte, eine litterarische Zeitschrift begründe. Der Großherzog wollte diese durch eine Summe von tausend Thalern jährlich unterstützen. Hoffmann wurde in diesem Schreiben von Schobers nur als Mitarbeiter Schade´s an dieser Zeitschrift in Betracht gezogen; seiner Uebersiedelung nach Weimar wurden Bedenken wegen seiner Vergangenheit entgegengesetzt. ( Zusammenfassung nach Gerstenberg )

Ich las und erklärte, daß ich daraus nicht eingehen könnte: von mir wäre ja nur nebenbei die Rede, zu einer Zeitschrift würde ich mich nur schwer verstehen, ich hätte an meiner " Monatschrift von und für Schlesien " für das ganze Leben genug, auch wünsche man nicht einmal, daß ich in Weimar wohne etc. Da wurde Schade stutzig, er gab mir die Versicherung, er habe Sr. königl. Hoheit erklärt, er würde nie ohne mich nach Weimar gehen, auch habe er Herrn von Schober geantwortet, er müsse erst mit mir Rücksprache nehmen und würde dann selbst an den Großherzog schreiben. Dadurch freilich bekam die Sache für mich eine andere Wendung, und da ich das Schreiben des Herrn von Schober nicht als endgültige Entscheidung Sr. königl. Hoheit betrachtete, so erklärte ich mich vorläufig zur Theilnahme bereit.

Daß Schade die Bettinasche Idee für sich ausgebeutet und sich selbst zum Knotenpunkte dieser Weimarischen Beförderungsaussichten gemacht hatte, wurde mir immer klarer. In Folge des Schoberschen Briefes hatte er sich sofort verlobt, und noch den 22. Januar einen Artikel in der Kölnischen Zeitung veranlaßt, in dem nur von seiner Berufung nach Weimar die Rede war.

In den nächsten Tagen benutzten wir die Morgenstunden zu Besprechungen über das was wir gemeinschaftlich für die Göthestiftung in Weimar leisten wollten. Diese Stiftung schien eine Lieblingsidee des Großherzogs zu sein, aber was königl. Hoheit Alles damit beabsichtigte und hineinzuziehen wünschte, war uns nicht klar. Auch kannten wir nicht, was Liszt vor einigen Jahren darüber veröffentlicht hatte.38 Wir dachten uns also selbst eine solche Stiftung und empfahlen unsere Ansichten in einigen Protokollen dem hohen Ermessen Sr. königl. Hoheit. Vorläufig verpflichteten wir uns, jährlich drei verschiedene Werke herauszugeben:

  1. -  Weimarische Zeitschrift für deutsche Sprache und Litteraturgeschichte -
  2. -  Weimarisches Taschenbuch für deutsche Litteraturgeschichte -
  3. -  Weimarischer Musenalmanach -

In den letzten Tagen des Januars schickte Schade unsere Vorschläge auf drei Bogen ein nebst einem acht Quartseiten langen Briefe, Alles sehr sauber geschrieben. Auch ich fügte noch einen Brief hinzu, worin ich Se. königl. Hoheit bat um die Genehmigung, Hochdenselben die Geschichte meines Kirchenliedes widmen zu dürfen.

Um diese Zeit erhielt ich zwei Briefe von Bettina aus Berlin.

Sie forderte Hoffmann aus, eine Eingabe an den König zu richten und um die Erlaubniß zu bitten, sein Wartegeld in Weimar oder Wolfenbüttel verzehren zu dürfen. Sie sprach sich ferner darüber offen aus, daß sie früher und auch jetzt noch beim Großherzog von Sachsen nur darauf hinzuwirken suche, daß Hoffmann eine Stellung an der weimarischen Bibliothek erhalte, woraus offenbar hervorging, daß der Plan einer litterarischen Zeitschrift erst von Schade in diese Verhandlungen hineingetragen worden war. In diese neue Angelegenheit sich einzumischen, wies Bettina zurück, da sie von einem Litteraturblatt nichts verstände. (Anmerkung nach Gerstenberg )

Schon den 6. Februar erfüllte ich Bettinas Wunsch und schrieb an den König, war aber fest überzeugt, daß ich abschlägig beschieden werden würde. Da ich in Bonn keine Antwort von Weimar abwarten mochte, so beschloß ich abzureisen.

in: Mein Leben -



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1854-01-01

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Hoffmann von Fallersleben

Hoffmann von Fallersleben - Verfasser des Deutschlandliedes, seit 1922 die deutschen Nationalhymne. Autor von Kinderliedern, revolutionären Gedichten im Vormärz, Sprachforscher und Bibliothekar.

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