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Kaum ist Hoffmann auf Corvey stirbt seine Frau an einer Totgeburt, der alte
Mann muß sich vom Schicksal betrogen fühlen. Nach dem Tode seiner Frau wird
ihm jetzt Deutschland wieder "zur Braut": im September 1861 schreibt
er:
"Das
Liebste hab ich hier begraben / Das Liebste, was mir Gott beschied / doch
blieb mir noch von seinen Gaben / mein Kind, mein Vaterland, mein Lied."
Und auf diese Art, vereint im patriotischen Überschwang, können sogar alte
Feinde allmählich zu Verbündeten werden: Am 18. Oktober 1861, dem
Krönungstage des preußischen Königs Wilhelm, heißt es bei Hoffmann in einem
Trinkspruch: "Der
König als deutscher Kaiser soll leben!"
29.12.1861, Schloß Corvey, an Ludwig Erk in Berlin
Ich arbeite immer, aber nur für mich. Wissenschaftliche Werke finden keinen
Verleger, der nur die baren Auslagen ersetzen möchte. Auf das Budget des
preußischen Staates kann niemand mehr rechnen, wenn er nicht Degen und Gewehr
trägt, denn für Wissenschaft und Kunst sind für 1861 ausgesetzt: 1000 Tlr.
Das ist der Überfluß an Mangel, womit Herr von Bethmann-Hollweg dem Staate der
Intelligenz unter die Arme greift ! Briefe, S. 276
16.2.1862, Schloß Corvey, an Josef Maria Wagner in Wien
In Wien ist man, wie mir Reisende, die erst neulich dort waren, erzählen,
über alle Maßen froh. Das kann nur sein der Humor der Verzweiflung ! Wir sind
sehr ernst und bedenklich gestimmt, und so ist es auch im übrigen Deutschland.
Dies unglückliche Hessen in unserer Nachbarschaft ! Die furchtbare Reaktion in
allen kleinen Staaten, die durch Österreich ihren Rückhalt hat - es ist zu
traurig. Und so geht es nun schon seit 1648 mit kurzen Unterbrechungen
immerfort, und es läßt sich kein Ende absehen. (Briefe, S.278)
25.3.1862, Schloß Corvey, an Franz Duncker in Berlin
Meinen Namen bitte ich jedoch aus dem Spiele zu lassen. Ich habe alle
Ursache, den Leuten keinen Anlaß zu geben, mich immer wieder von neuem zu
verfolgen - ich habe für dies Leben gerade genug, erst im vorigen Jahre ist
Herr von Borries so gnädig gewesen, mir den Besuch der Meinigen im Königreich
Hannover zu gestatten, nachdem die neue Ära sich
meiner nicht angenommen hatte. Es kommt ja auch auf den Namen nicht an. Wenn die
Sache nichts taugt, so nützt der Name auch nichts.
Daß in die Politik wieder ein bißchen Poesie kommt, ist notwendig. Der
Nationalverein würde ganz anders emporgekommen sein, wenn er nicht die blasse
Prosa wäre nach innen und außen. Doch Shakespeare sagt: lauter brave Leute,
aber schlechte Musikanten ! und Shakespeare ist ein ehrenwerter Mann. Briefe,
S.280
29.3.1862, Schloß Corvey, an Rat Schmidt in Schloß Rauden
Alles ladet zu heiterer Frühlingsstimmung ein, und ich würde mich ihr ganz
hingeben, wenn nicht durch die letzte Wendung in Berlin eine solche Verstimmung
über das ganze Land gekommen wäre, der sich am Ende niemand entziehen kann.
Großer Gott, was soll aus uns noch werden ! Der Staat der Intelligenz und
Quintessenz ist geworden der Staat der Imprudenz und Impotenz. Also eine neue
Auflage für Manteuffelei ! (Briefe, S. 281)
22.12.1862, Schloß Corvey, an Michael Schletterer in Augsburg
Schlechter aber als das schlechteste Wetter sind unsere politischen
Zustände, so schlecht, daß man nicht einmal mehr darüber sprechen mag, weil
das ganze Volk weiß, wie sie sind. Ich lege Ihnen einige Nummer der
Volkszeitung bei. Es wird nicht immer nach Béranger heißen: la liberté s'en
va, les rois restent, sondern vielleicht auch einmal umgekehrt.(Briefe, S. 292)
24.5.1863, Schloß Corvey, an Karl Gräf in Weimar
Den ersten Abend, als wir bei Professor Henke eingeladen waren, brachte mir
die Arminia ein Ständchen, wie ich noch keins der Art erlebt hatte. An einem
langen Tische mitten auf der Straße saßen ganz gemütlich die Musikanten und
spielten eine Symphonie, und die Studenten, die mit ihren roten Mützen im
halbkreise herumstanden, sngen: "Deutschland, Deutschland über alles"
und "Deutsche Worte hör ich wieder" und brachten mir ein Hoch aus.
(Briefe, S. 297)
In diesem Jahr, während des preußisch – dänischen Krieges veränderte
Hoffmann den Text eines alten Gedichtes, das 1850, als es entstand, wegen der
Machtverhältnisse nach der verlorenen Revolution unveröffentlicht geblieben
worden war und veröffentlichte es in: "Lieder für
Schleswig-Holstein", die in mehreren Drucken 1863 - 64 erschienen. Durch
die Umdichtung von "O
Herr der Herrn erwache" wendet Hoffmann also seine alte Wut gegen den
inneren Feind jetzt gegen den Äußeren ! Die Freiheit ist nicht mehr die
Freiheit des Wortes, der Freiheitsbaum ist inzwischen zum "Blümelein"
mutiert, das Fremde wird jetzt zum Grund des erlittenen Leides, nicht mehr die
Eigene Obrigkeit.!
Im gleichen Zusammenhang benutzte er das Lied "Greift
an das Werk mit Fäusten". Jetzt schwenkt Hoffmann ein in die
Zielgerade seiner Wendung um 180 Grad-
20.2.1864, Schloß Corvey, an Michael Schletterer in Augsburg
Wie es Ihnen mit Ihren schleswig-holsteinischen Liedern ergangen ist, so geht
es mir mit den meinigen nicht viel besser. Was will das heißen, daß einige
tausend Exemplare unter 40 Millionen Deutsche geschleudert sind ? Nirgend eine
freudige Begeisterung. Jetzt, wo man singen sollte, sich zu beleben, sich frisch
zu erhalten und in der Hoffnung eines guten Erfolgs zu stärken, jetzt schweigt
man, und die nüchterne Prosa macht sich geltend. Allerdings sind die jüngsten
Ereignisse niederschlagend und erbitternd, aber darum soll niemand, der es mit
dem Vaterlande gut meint, den Mut verlieren, sondern frei und unerschütterlich
auch in bösen Tagen für das Vaterland leben und wirken.
Auch ich bin sehr verstimmet, mitunter erbittert, aber ich müßte mich
selbst aufgeben, wollte ich den Glauben an ein einiges, freies Deutschland je
verlieren. (Briefe, S. 299)
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