Der Verfasser von Deutschland Deutschland über alles Hoffmann von Fallersleben

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1861 bis 1870

Die Wandlung

Biographie 1860 bis 1874 - Bibliothekar in Corvey
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Kaum ist Hoffmann auf Corvey stirbt seine Frau an einer Totgeburt, der alte Mann muß sich vom Schicksal betrogen fühlen. Nach dem Tode seiner Frau wird ihm jetzt Deutschland wieder "zur Braut": im September 1861 schreibt er:
"Das Liebste hab ich hier begraben / Das Liebste, was mir Gott beschied / doch blieb mir noch von seinen Gaben / mein Kind, mein Vaterland, mein Lied."

Und auf diese Art, vereint im patriotischen Überschwang, können sogar alte Feinde allmählich zu Verbündeten werden: Am 18. Oktober 1861, dem Krönungstage des preußischen Königs Wilhelm, heißt es bei Hoffmann in einem Trinkspruch: "Der König als deutscher Kaiser soll leben!"

29.12.1861, Schloß Corvey, an Ludwig Erk in Berlin

Ich arbeite immer, aber nur für mich. Wissenschaftliche Werke finden keinen Verleger, der nur die baren Auslagen ersetzen möchte. Auf das Budget des preußischen Staates kann niemand mehr rechnen, wenn er nicht Degen und Gewehr trägt, denn für Wissenschaft und Kunst sind für 1861 ausgesetzt: 1000 Tlr. Das ist der Überfluß an Mangel, womit Herr von Bethmann-Hollweg dem Staate der Intelligenz unter die Arme greift ! Briefe, S. 276

16.2.1862, Schloß Corvey, an Josef Maria Wagner in Wien

In Wien ist man, wie mir Reisende, die erst neulich dort waren, erzählen, über alle Maßen froh. Das kann nur sein der Humor der Verzweiflung ! Wir sind sehr ernst und bedenklich gestimmt, und so ist es auch im übrigen Deutschland. Dies unglückliche Hessen in unserer Nachbarschaft ! Die furchtbare Reaktion in allen kleinen Staaten, die durch Österreich ihren Rückhalt hat - es ist zu traurig. Und so geht es nun schon seit 1648 mit kurzen Unterbrechungen immerfort, und es läßt sich kein Ende absehen. (Briefe, S.278)

25.3.1862, Schloß Corvey, an Franz Duncker in Berlin

Meinen Namen bitte ich jedoch aus dem Spiele zu lassen. Ich habe alle Ursache, den Leuten keinen Anlaß zu geben, mich immer wieder von neuem zu verfolgen - ich habe für dies Leben gerade genug, erst im vorigen Jahre ist Herr von Borries so gnädig gewesen, mir den Besuch der Meinigen im Königreich Hannover zu gestatten, nachdem die neue Ära sich meiner nicht angenommen hatte. Es kommt ja auch auf den Namen nicht an. Wenn die Sache nichts taugt, so nützt der Name auch nichts.

Daß in die Politik wieder ein bißchen Poesie kommt, ist notwendig. Der Nationalverein würde ganz anders emporgekommen sein, wenn er nicht die blasse Prosa wäre nach innen und außen. Doch Shakespeare sagt: lauter brave Leute, aber schlechte Musikanten ! und Shakespeare ist ein ehrenwerter Mann. Briefe, S.280

29.3.1862, Schloß Corvey, an Rat Schmidt in Schloß Rauden

Alles ladet zu heiterer Frühlingsstimmung ein, und ich würde mich ihr ganz hingeben, wenn nicht durch die letzte Wendung in Berlin eine solche Verstimmung über das ganze Land gekommen wäre, der sich am Ende niemand entziehen kann. Großer Gott, was soll aus uns noch werden ! Der Staat der Intelligenz und Quintessenz ist geworden der Staat der Imprudenz und Impotenz. Also eine neue Auflage für Manteuffelei ! (Briefe, S. 281)

22.12.1862, Schloß Corvey, an Michael Schletterer in Augsburg

Schlechter aber als das schlechteste Wetter sind unsere politischen Zustände, so schlecht, daß man nicht einmal mehr darüber sprechen mag, weil das ganze Volk weiß, wie sie sind. Ich lege Ihnen einige Nummer der Volkszeitung bei. Es wird nicht immer nach Béranger heißen: la liberté s'en va, les rois restent, sondern vielleicht auch einmal umgekehrt.(Briefe, S. 292)

24.5.1863, Schloß Corvey, an Karl Gräf in Weimar

Den ersten Abend, als wir bei Professor Henke eingeladen waren, brachte mir die Arminia ein Ständchen, wie ich noch keins der Art erlebt hatte. An einem langen Tische mitten auf der Straße saßen ganz gemütlich die Musikanten und spielten eine Symphonie, und die Studenten, die mit ihren roten Mützen im halbkreise herumstanden, sngen: "Deutschland, Deutschland über alles" und "Deutsche Worte hör ich wieder" und brachten mir ein Hoch aus. (Briefe, S. 297)

In diesem Jahr, während des preußisch – dänischen Krieges veränderte Hoffmann den Text eines alten Gedichtes, das 1850, als es entstand, wegen der Machtverhältnisse nach der verlorenen Revolution unveröffentlicht geblieben worden war und veröffentlichte es in: "Lieder für Schleswig-Holstein", die in mehreren Drucken 1863 - 64 erschienen. Durch die Umdichtung von "O Herr der Herrn erwache" wendet Hoffmann also seine alte Wut gegen den inneren Feind jetzt gegen den Äußeren ! Die Freiheit ist nicht mehr die Freiheit des Wortes, der Freiheitsbaum ist inzwischen zum "Blümelein" mutiert, das Fremde wird jetzt zum Grund des erlittenen Leides, nicht mehr die Eigene Obrigkeit.!

Im gleichen Zusammenhang benutzte er das Lied "Greift an das Werk mit Fäusten". Jetzt schwenkt Hoffmann ein in die Zielgerade seiner Wendung um 180 Grad-

20.2.1864, Schloß Corvey, an Michael Schletterer in Augsburg

Wie es Ihnen mit Ihren schleswig-holsteinischen Liedern ergangen ist, so geht es mir mit den meinigen nicht viel besser. Was will das heißen, daß einige tausend Exemplare unter 40 Millionen Deutsche geschleudert sind ? Nirgend eine freudige Begeisterung. Jetzt, wo man singen sollte, sich zu beleben, sich frisch zu erhalten und in der Hoffnung eines guten Erfolgs zu stärken, jetzt schweigt man, und die nüchterne Prosa macht sich geltend. Allerdings sind die jüngsten Ereignisse niederschlagend und erbitternd, aber darum soll niemand, der es mit dem Vaterlande gut meint, den Mut verlieren, sondern frei und unerschütterlich auch in bösen Tagen für das Vaterland leben und wirken.

Auch ich bin sehr verstimmet, mitunter erbittert, aber ich müßte mich selbst aufgeben, wollte ich den Glauben an ein einiges, freies Deutschland je verlieren. (Briefe, S. 299)

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Hoffmann von Fallersleben - Verfasser des Deutschlandliedes, seit 1922 die deutschen Nationalhymne. Autor von Kinderliedern, revolutionären Gedichten im Vormärz, Sprachforscher und Bibliothekar.

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