Deutschland Deutschland (Parodie, 1900)

Deutsches | | 1900

Deutschland, Deutschland über dieses
geht kein Land doch auf der Welt;
und weh´ jedem, der noch künftig
frech sich in den Weg uns stellt.
Unserer Rache Flammenfackel
dann den Erdenrund erhellt,
bis wir kurz und klein gehauen
alles, alles in der Welt.

Deutsch allein ist wahre Sitte,
deutsch nur wirkliche Kultur;
alle anderen Nationen
sind ja doch Barbaren nur.
Englishman, Franzos´ und Russe,
Jingo – falsch und wetterwend´sch,
gierig, grausam – mit dem Deutschen
erst beginnt der wahre Mensch.

Doch wird Deutschland uns zu enge,
wo es keinem mehr gefällt.
Wozu hat man auch Soldaten,
und wozu das viele Geld?
Quatscht nicht von den alten Grenzen,
Maas und Memel, Etsch und Belt:
Uns gehört des Rechtes wegen,
Längstens schon die ganze Welt.

Darum laßt uns Flotten bauen
über alles in der Welt,
Laßt uns stechen, laßt uns hauen,
was uns in die Klauen fällt.
Wenn nur der chines´sche Drache
blutend erst am Boden liegt,
Dann wird England, Rußland, Frankreich
und die neue Welt bekriegt.

Wenn erst vom Chinesenkuchen
wir das beste Stück errafft,
wird sogleich der deutsche Krieger
nach Amerika geschafft.
Und noch binnen vierzehn Tagen
stecken wir Columbia ein –
Ja – denn Deutschland muß noch ville,
ville, ville größer sein.

Deutsches Recht und deutsche Freiheit,
ach, was schert uns solcher Tand;
drüber lachen wir, die neuen
Deutschen mit der Eisenhand.
Nein, im Glanze der Kanonen
blühe künftig nur die Welt,
bis All – Deutschland mächtig krachend
einst in Schutt und Trümmer fällt.

Unbekannter Verfasser unter dem Titel: “  Neue deutsche Nationalhymne  “
in: Der Wahre Jacob , 9. Oktober 1900
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