Eine Berliner Novelle

Der Frühling kommt hernieder,
der Winter muß entfliehen,
und Frühling wird es wieder
sogar auch in Berlin.

Im milden sonnigen Wetter
kann man spazieren gehen,
und Kräuter und grüne Blätter
im Tiergarten wieder sehen.

Den Gruß des Frühlings singen
die Vögel in jede Brust,
und alle Welt muß ringen
nach Freude und Frühlingslust.

Der Eckensteher Nante
blieb lebensmüde und matt;
weil er das Leben kannte,
hatte er es herzlich satt.

Er geht zum Tiergarten traurig,
er geht und hängt sich auf.
Im Tiergarten – o wie schaurig!
Beschließt er den Lebenslauf.

Das gibt ein eigenes Rauschen
im grünen Busch am Bach,
und Leute, die da lauschen,
die gehen dem Geräusche nach.

Gendarmen und Polizisten,
mit Rettungsmedaillen geziert,
und viele gute Christen,
die kommen herbei spaziert.

Sie schneiden ihn ab vom Baume,
sie reiben ihn, bis er lebt,
und Nante wie im Träume
denkt, daß er im Himmel schwebt.

Allmächtiger, hab Erbarmen!“
So spricht er, „was seh´ ich hier?
Im Himmel auch Gendarmen?
Nun ist es aus mit mir!“
(Er stirbt)

2. Dezember 1842
Melodie: Es war ein König in Thule

Der Eckensteher Nante: Von Adolf Glaßbrenner (1810 – 1876) erfundenes Berliner Original, erstmals 1832 in dessen politisch – satirischem Groschenheft „Eckensteher“, populär wurde die Figur dadurch, daß Friedrich Beckmann 1833 eine Posse „Der Eckensteher Nante im Verhör“ auf die Bühne brachte

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