Ich kann nicht mehr entfliehen (Die Unvermeidlichen)

Ich kann nicht mehr entfliehen
Mein Unstern gehet mit:
Zwei alte Jungfern ziehen
Mir nach bei jedem Tritt.

Aus einem Land ins andre
In dies und jenes Reich
Wohin ich eben wandre
Da sind auch sie sogleich


Wie sehr ich sie auch hasse
Sie ziehn mir nach ins Feld
Ins Haus und auf die Gass
Und durch die ganze Welt.


Ich kann vor ihren Blicken
Und ihren Liebelein
Vor ihren tausend Stricken
Doch nimmer sicher sein.


0 weh mir armen Dichter!
0 laß mich endlich frei
Du schauderhaft Gelichter
Zensur und Polizei!


0 laßt mich doch zufrieden!
Ich hab’s euch oft vertraut:
Die Freiheit bleibt hienieden
Bleibt ewig meine Braut


Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Ihr seid nicht dumm (es fehlt nur ´ne Kleinigkeit)

Ihr seid nicht dumm
ihr seid nicht schlecht
Ihr wißt was Freiheit ist und Recht
Ihr liebt die Wahrheit
haßt den Schein
Ihr wollt auch gern freisinnig sein

Auch habt ihr alles
in der Welt:
Ihr habt Gesundheit, Freud und Geld
und Weib und Kinder
Hof und Gut –
doch fehlt euch eins, euch fehlt der Mut


1843 – Zum Abschied nach seiner Vertreibung aus Breslau    

Willkommen, Vater Itzstein

Füllt die Gläser bis zum Rande !
Brüder, stoßet an !
Denn es gilt dem Vaterlande,
gilt dem braven Mann.
Vaterland, freue dich !
Deine Nacht wird  immer heller:
Itzstein, unser Stern,
leuchtet nach und fern.

Beide sind ja ungetrennet:
Wo man´ s deutsche Land
irgendwo auf Erden nennet,
ist auch er genannt.
Laßt uns streben, laßt uns streiten
auf der Freiheit Bahn,
fortgehen mit dem Geist der Zeiten.
So wie er´ s getan !


Laßt uns ohne Furcht und Bangen
trotz der Willkür Macht
treu an Recht und Wahrheit hangen,
so wie er´ s gemacht !
Laßt uns öffentlich besprechen
voller Männermut,
unsere Leiden und Gebrechen,
so wie er es tut !


Laßt uns sein in schlimmen Tagen
ehrenwert wie er,
einig sein und nicht verzagen,
standhaft sein  wie er.
Füllt die Gläser bis zum Rande !
Brüder, stoßet an !
Denn es gilt dem Vaterlande,
gilt dem braven Mann.
Vaterland, freue dich !
Deine Nacht wird  immer heller:
Itzstein, unser Stern,
leuchtet nach und fern.


Geisenheim, 28. August 1844
Melodie: Noch ist Polen nicht verloren

Stehende Heere müssen wir haben (Chinesisches Loblied)

Stehende Heere müssen wir haben,
Stehende Heer´ im himmlischen Reich.
Wär´ es nicht wahrlich Jammer und Schade,
wenn wir nicht hätten manchmal Parade,
wenn wir nicht hörten den Zapfenstreich ?
Stehende Heere müssen wir haben,
stehende Heer´ im himmlischen Reich    

Stehende Heere müssen wir haben,
weil sie in Umlauf bringen das Geld:
Wo die Soldaten zechen und zehren,
muß sich der Handel und Wandel vermehren,
stehende Heere müssen wir haben,
weil sie in Umlauf bringen das Geld.
Stehende Heere müsen wir haben;
wo sie bestehen, bestehen auch wir.
Wenn wir die stehenden Heere nicht wollten,
wüßten die Junker nicht, was sie sollten,
Ach ! und die meisten verschmachteten schier.
Stehende Heere müssen wir haben;
wo sie bestehen, bestehen auch wir.


2. Mai 1841

Wie ist doch die Zeitung interessant

Wie ist doch die Zeitung interessant
für unser liebes Vaterland !
Was haben wir heute nicht alles vernommen !
Die Fürstin ist gestern niedergekommen,
und morgen wir der Herzog kommen,
Hier ist der König heimgekommen,
dort ist der Kaiser durchgekommen,
bald werden sie alle zusammenkommen –
Wie interessant ! wie interessant !
Gott segne das liebe Vaterland !
Wie ist die Zeitung doch interessant
für unser liebes Vaterland !
Was ist uns nicht alles berichtet worden !
Ein Portepeefähnrich ist Leutnant geworden,
ein Oberhofprediger erhielt einen Orden,
die Lakaien erhielten silberne Borden,
die höchsten Herrschaften gehen nach Norden,
und zeitig ist es Frühling geworden –
Wie interessant ! wie interessant !
Gott segne das liebe Vaterland !
28. Mai.1841

Es ist ein König in der Welt (Le roi est mort, vive le roi!)

Es ist ein König in der Welt,
der hat das größte Reich,
´s ist keiner ihm an Gut und Geld
und Macht und Ansehen gleich.
Ich sag´ s euch, wenn ihr´ s noch nicht wißt,
ich sag´ s euch, wer der König ist.
Von Gottes Gnaden ist auch er,
und was er tut, ist gut,
Er stammt von alten Zeiten her,
aus altem Adelsblut.
Ich weiß es nicht, wer älter wär´
und legitimer doch als er.
Er hat der Bundesgenossen drei
schon seit uralter Zeit.
Das sind Zensur und Polizei
und auch die Geistlichkeit.
Drum steht sein Regiment so fest,
daß es sich nie erschüttern läßt.
Wenn machen ihr zu fragen wagt,
gar mancher sagt es nicht.
Wenn ihr die Weltgeschichte fragt,
die gibt euch gleich Bericht.
So hört, sie macht es euch bekannt:
Es war und ist der Unverstand.
So laßt uns preisen früh und spät
den hoher Herrn der Welt,
des Unverstandes Majestät,
die uns so weise erhält.
Lobpreiset ihn in Stadt und Land:
Hoch lebe König Unverstand!
1. Mai 1844 – “ Deutsche Lieder aus der Schweiz
Melodie: War einst ein Riese Goliath

Jeder schöpft aus seiner Quelle (Fremdherrschaft)

Jeder schöpft aus seiner Quelle
weil sie ihm am nächsten ist
jeder mißt nach seiner Elle
weil er so am liebsten mißt

Fremde Stiefel passen selten
nach dem Kopf kauft man den Hut
Nur das Eigene läßt man gelten
denn Gewohnheit macht es gut

Und so bleibt uns fremdes Gute
fern vor unserer Eigenheit
und das Eigene wird die Rute
die uns züchtigt allezeit

Hoffmann von Fallersleben – 1843
Melodie: Morgen müssen wir verreisen

Vögel singen Blumen blühen (Wanderlied)

Vögel singen, Blumen blühen
grün ist wieder Wald und Feld
O so laß uns ziehn und wandern
von dem einem Ort zum andern
durch die weite grüne Welt

Wie im Bauer sitzt der Vogel
Saßen wir noch jüngst zu Haus.
Aufgetan ist jetzt das Bauer,
Hin ist Winter, Kalt´ und Trauer,
Und wir fliegen wieder aus.

Freude lebt auf allen Wegen,
Um uns, mit uns, überall.
Freude säuselt aus den Lüften,
Hauchet aus den Blumendüften,
Tönt im Sang der Nachtigall.

Nun, so laßt uns ziehn und wandern
Durch den neuen Sonnenschein,
Durch die lichten Au´n und Felder,
Durch die dunkelgrünen Wälder
In die neue Welt hinein!

 

Text: Hoffmann von Fallersleben – 1835
Musik: auf  “ In die Ferne möcht ich ziehen “ , welches wiederum auf „An der Saale hellem  Strande“ (von Friedrich Ernst Fesca ) und auf  So viel Stern am Himmel stehen gesungen wurde