Ich kenn ein Volk im deutschen Lande

Gott und Teufel | Politische Gedichte | | 1842

Ich kenn ein Volk im deutschen Lande,
das macht von sich ein groß Geschrei,
als ob auf seinem dürren Sande
nur Tugend, Kunst und Weisheit sei,
und nirgend wachs´ und blüh´ als dort
noch freie Schrift und freies Wort

Ich kenn ein Volk, das sich hienieden
sehr heilig zu gebärden weiß,
und Demut, Seelenruh´ und Frieden
hält für den höchsten Erdenpreis,
und alle Böcke groß und klein
verwandeln möchte´ in Lämmelein.

Ich kenn´ ein Volk, das alles meistert
und alles besser weiß und kann.
Das sich für alles schnell begeistert,
für allerlei und jedermann,
das jeden tut in Bann und Acht,
der´ s nicht so meint und anders macht.

Ich Kenn´ ein Volk, das sich allein
vom lieben Gott begnadet hält,
und glaubt, daß seine Sonne scheine
am schönsten ihm vor aller Welt;
und daß es ohne Schmeichelei
der Erde Licht- und Glanzpunkt sei.

Ich kenn´ ein Volk, das sich für Gäste
des Paradieses hier schon hält,
dem täglich Gott das allerbeste
auf seinen Tisch zur Labung stellt,
und dem sein eigenes Dünnebier
mehr ist als Sekt und Malvasier.

Ich kenn´ ein Volk, das vor dem Lichte
der Wahrheit nicht zu beben meint,
das sich als Quell der Weltgeschichte
ganz wohlgefällig selbst erscheint,
und denkt: Die Welt versiegt gar schnell,
wenn sie nicht schöpft aus diesem Quell.

Zu diesem Volke müßt ihr wandern
und unter ihnen Hütten bauen,
ihr müßt vergessen alles Andern
und nur ihr Tun und Treiben schaun,
dann wird euch allen hell und klar,
wieviel an diesem Liede war.

geschrieben am 7. April 1842 –
Melodie: Im Kreise froher kluger Zecher