Wer ist der greise Siegesheld (Kaiser Wilhelm)

Wer ist der greise Siegesheld
der uns zu Schutz und Wehr
fürs Vaterland zog in das Feld
mit Deutschlands ganzem Heer?

Wer ist es, der vom Vaterland
den schönsten Dank empfing?
Vor Frankreichs Hauptstadt siegreich stand
und heim als Kaiser ging?

Du edles Deutschland, freue dich
dein König, hoch und ritterlich
Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist´ s!

Wer hat für dich in blut´ger Schlacht
besiegt den ärgsten Feind ?
Wer hat dich groß und stark gemacht,
dich brüderlich geeint?

Wer ist, wenn je ein Feind noch droht,
dein bester Hort und Schutz?
Wer geht für dich in Kampf und Tod
der ganzen Welt zu Trutz? –

Du edles Deutschland, freue dich,
Dein König, hoch und ritterlich,
Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist´ s !

Text: Hoffmann von Fallersleben am 29. Januar 1871 , Titel: Kaiser Wilhelm
Musik: Heinrich Marschners Melodie: Wer ist der Ritter hochgeehrt ?
„Wer  ist der greise Siegesheld“ im Volksliederarchiv mit Noten
(aus dem Nachlaß)

Du bist die junge Blume

Du bist die junge Blume
Die heute sich erschließt
Aus ihrer Blätterhülle
Voll Jugendlust und Fülle
Ins frische Leben sprießt

Wohl ist’s ein schönes Dasein
Wenn es sich so erneut
Nichts Trübes kennt auf Erden
Nicht Sorgen noch Beschwerden
Nur Lust und Freude beut

So wie Du heut geboren
So sei geboren oft
Für Alles was hienieden
Als Freude, Trost und Frieden
Dein Herz sich wünscht und hofft

in Raudener Geburtstags-Calender, 1866

Sei mir gegrüßt am heutigen Tage!

Sei mir gegrüßt am heutigen Tage
Die Wünsche, die ich im Herzen trage
Nimm alle freundlich an von mir
Die Jugend, ja sie begrüß ich in Dir!
Du bist nicht alt
Du bist nicht kalt
Nicht lau, nicht flau
Nicht nüchtern, nicht schüchtern
Nicht ohne Lebensmut
Nicht ohne Strebensglut
Dein Wollen, Dein Sollen

Es ist nicht klein
Alttäglich, gemein
Dein Wissen nicht flach
Dein Können nicht schwach –
Du sollst Dir sagen
In künftigen Tagen
„Auch ich war jung
Voll Begeisterung
Für alles Gut und Wahre
Und Schön‘ und Wunderbare
Auch mir war immer erfüllt die Brust
Von Sehnsuchtsdrang und mächtiger Luft
Zu Schalten und walten
Zu trachten und dichten
Zu bau’n und gestalten
Um auszurichten
Den hohen Beruf
Wozu der Himmel uns schuf“
Drum bleibe treu dem Guten was Du hast
Und gönne Dir im Leben niemals Rast
Bis daß es Dir auch wird gelingen
Das Best und Schönste zu erringen

in Raudener Geburtstags-Calender auf das Jahr 1866

Dir ist die Welt noch ein verschlossen Buch

Dir ist die Welt noch ein verschlossen Buch
Du kennst den Einband kaum noch und den Schnitt
Du weißt noch nicht was sie für Dich enthält
Wie viele Müh‘ und Plage, Freud und Lust
Doch gab der Himmel Dir der Engel zwei
Die lehren Dich, was Du in diesem Buch
Stets überschlagen oder lesen sollst
Und wenn sie Dir auch zeigen könnten nie
Woran Dein Herz und Auge hangen soll
So sieh sie an, Ihr Beispiel lehrt getreu
Wie du zum edlen Menschen werden kannst
Das ist mein Wunsch, den bring‘ ich heute Dir
An einem Tage wo auch Dir wie mir
Und wenn’s auch draußen wäre trüb‘ und kalt
Doch Eine Sonne fröhlich scheint und lacht
Die Sonne, Dein erlauchter Vater soll
Dir sein in heitrer wie in trüber Zeit
Was Er den Seinen immer war und ist
Ein lieber Vater, Eine Seel´, Ein Herz

in Raudener Geburtstags-Calender, 1866

Der Kuckuck ruft

Der Kuckuck ruft: „kuk kuk!
Hinaus nach Buk Buk Buk!“
Und alle Vögel groß und klein,
Sie stimmen alle lustig ein
„Juchheißa! heißa! kuk kuk kuk!
Nach Buk hinaus! hinaus nach Buk!“
Kein einziger bleibt in seinem Nest
Es ist ja heut ein Freudenfest
„Kuk kuk!
Hinaus nach Buk!“
Und als der frohe Ruf erschallt
So eilet Alles, Jung und Alt
Wohl mit des Festes Königin
Nach Buk zum grünen Walde hin
Da sind schon die Vögel und hüpfen und springen
Im Kreise herum und jubeln und singen
„Willkommen im Rosen- und Lilienschmuck
Prinzessin Mariechen, willkommen in Buk!
Dir bringt die ganze Vogelschar
Des Herzens innige Wünsche dar
Wie wir in den Lüften so magst Du schweben
Gesund und frohen Sinns durchs Leben,
Und was an Freude Dein Herz begehrt
Das sei Dir vom lieben Gott gewährt!
Nun tanze fröhlich den Ringelreih‘ n,
Die lieben Gespielinnen warten Dein!“
Da flogen die Vögel alsobald
Mit Jubelgeschrei zurück in den Wald
Und in und vor der umkränzten Halle
Versammelten sich die Raudener alle.
Und als die Musik gar lustig begann
Da hub das fröhliche Tanzen an
Nun fand sich noch ein Vöglein ein
Das mocht aus weiter Ferne sein;
Es hatte zu spät wol den Kuckuck vernommen
Und konnte drum nicht eher kommen
Es trug im Schnabel einen Kranz
Den ließ es fallen hinein in den Tanz
Der war von Rosen und Lilien gebunden
Gar zierlich mit goldener Schrift durchwunden
„Wie Ros und Lilie heute blüht
So blüh‘ auch immer Dein Gemüt
Den Rosen und den Lilien gleich
An Liebe wie an Unschuld reich!“

in Raudener Geburtstags-Calender 1866

Wenn jedes Blatt zu einer Zunge wird

Wenn jedes Blatt zu einer Zunge wird
Als müßt es künden seines Daseins Luft
Wenn jede Blüthe sich zum Kelch erschließt
Um Freude zu kredenzen aller Welt
Wenn jeder Busch und Baum in Frühlingsduft
Von süßem Liederschalle wiederhallt
Wenn Alles grünt und blüht in Wies und Feld
Und neues Leben athmet Au und Wald
Dann fühlt das Herz sich frei und wohlgemut
Vergißt des Winters kalte, trübe Zeit
Und lebt und webt in Himmelsseligkeit
Heil Dir! Du hast das Licht der Welt erblickt
In dieser freudenreichen Frühlingszeit
Wo uns die alte Erd‘ erscheinen muß
Als wie ein neues himmlisch Paradies
Das keine Leiden, Mühn und Sorgen kennt
Ein unabsehbar buntes Blüthenmeer
Umspielt von Sonnenglanz und milder Lust
Und überwölbt vom reinstes Himmelblau
Heil Dir, Du Frühlingsblum´ im Rudatal!
Wir bringen heut als Frühlingsboten Dir
Die schönsten Wünsch aus unserm Herzen dar
Und Dein Geburtstagsfest ist unser Fest
Du sollst der Blume gleich in Herrlichkeit
Entfalten Dich, der Eltern süße Lust
Die Per‘ in der Geschwister Blumenkranz!
Du Margareta, liebe Perle Du!
Im Gold der Mutterlieb und Vatertreue
Kannst Du am Elternherzen sicher ruhn
Und wie Dein Glück das Ihr‘ hienieden ist
Soll Dir Ihr Glück ein ew´ger Frühling sein!

in Raudener Geburtstags-Calender 1866

Ich komm aus fernen Landen

Ich komm‘ aus fernen Landen,
Ich sing Euch neue Mähr
Der Frühling ist vorhanden
Und tritt mit mir daher
Er bringet Blumenkränze
Und Sang und Spiel und Tänze
Und Luft und Fröhlichkeit

Doch mehr als Blumenkränze
Als Luft und Fröhlichkeit
Als Sang und Spiel und Tänze
Und selbst die Frühlingszeit
Das ist ein Wunsch für heute
Worauf ich längst mich freute
Der mir im Herzen ruht

So will ich Blumen brechen
In meines Herzens Hag
Ich will den Wunsch ansprechen
Zu diesem schönen Tag
„Was heut‘ uns ist beschieden
Das Glück, es kehr‘ hienieden
Für uns noch oft zurück!

in Raudener Geburtstags-Calender 1866

Hoch preis ich den Mann

Hoch preis ich den Mann
Der nur das Gute denkt und tut
Sich edelen Wirkens bewußt
Voll Tugendmut und Jugendlust
Nie rastet und ruht
Den Glauben fest an die Menschheit hält
Und wenn ihn betröge die ganze Welt
Der in Liebe schaltet und waltet
Aus Liebe sein Leben gestaltet
Und so sich verjüngt und nicht altet
Der nichts beginnt, nichts will und wagt
Als was ihm der Zug des Herzens sagt
Ein Fürst voll Biederkeit und Kraft
Ein Herzog edelster Leidenschaft

Ihr wißt auf welchen Mann ich deute:
Der Mann er ist geboren heute

Und weil ein Glück nicht kommt allein
So findet sich noch ein anderes ein
Die der Mann zur Lebensgefährtin erkoren
Sie ward schon übermorgen geboren
Der Frauenschaft holde Blüte
An Tugend, Mild und Güte
Die in Liebe schaltet und waltet
Aus Lieb ihr Leben gestaltet
In Freud‘ und Leid
Ihr Leben dem Gatten und Kindern weiht
Und allezeit

„Für Andre das Leben zum Leben zu heben
Nur sinnt und trachtet und innig strebt
Um zu leben liebt, um zu lieben lebt.“

Ein Hoch ertön in weite Ferne
Ein Hoch dem hohen Geburtstagspaar!
O möchten Ihm des Glückes Sterne
Im reinsten Lichte hell und klar
Wie heut erglänzen immerdar
Noch manches, manches liebe Jahr
Überall, hie und da!
Hoch Victor und Amalia!

Raudener Geburtstags-Calender auf das Jahr 1866.
Für das Herzogthum Ratibor und Fürstenthum Corvey.
Schloß Corvey. Selbstverlag von Hoffmann von Fallersleben , Herzoglichem Hofbibliothecar.
Victor Amalia , 10. und 12. Februar.

Länger werden jetzt die Tage

Länger werden jetzt die Tage
Länger weilt der Sonnenschein
Und so wird des Winters Plage
Bald einmal vergessen sein

Und der Frühling kehret wieder
Grün wird wieder Wald und Feld
Freud‘ und Segen strömet nieder
In die ganze weite Welt.

Heil Dir! Heil! Du bist geboren
In so hoffnungsreicher Zeit
So als ob Du auserkoren
Für des Frühlings Fröhlichkeit

Jeder Frühling sei der Deine
Mag erquicken Dich und freun
Und in fernem milden Scheine
Soll Dein Leben sich erneun

in Raudener Geburtstags-Calender (1866)

Hopp hopp Im Trab und Galopp

Hopp hopp!
Im Trab und Galopp
Halt fest den Zügel
Bleib fest im Bügel
So magst Du reiten
So magst Du traben
Zu allen Seiten
Über Bach und Graben
Über Brück und Steg
Auf holprigem Weg
Durch Heid und Horst
Durch Busch und Forst
Durch Schilf und Rohr
Durch Sumpf und Moor
Durch Kies und Sand
Auf Fels und Land
Am Strand der See
Auf allen Wegen
Durch Kält und Schnee
Durch Wind und Regen
Durch glühende Hitze
Durch Donner und Blitze
Frisch, lustig und munter
Über Stock und Stein
Bergauf, bergunter
Thalaus, thalein
Hinein in die Welt
Ein muthiger Held
Frisch, luftig, hopp hopp
Im Trab und Galopp
Halt fest den Zügel
Bleib fest im Bügel

in Raudener Geburtstags-Calender 1866