Was wir damals sangen

So ernst die Weltlage, so traurig die staatlichen Verhältnisse, so drückend fortwährend die Abgaben waren, die deutsche Gemüthlichkeit feierte doch nicht länger und wußte sich endlich wieder geltend zu machen, freilich mit einem starken Anfluge französischer Leichtfertigkeit. Wie man dachte und fühlte, sprach sich in allen Vergnügungen aus: bonne mine à mauvais jeu wurde der leitende Grundsatz. Damit stimmten denn auch die Gesellschaftslieder, welche man zu singen pflegte, wenn man lustig wurde:

Selten hörte man Abends im Freien noch bei der Arbeit oder in den Spinnstuben ein wehmüthiges Lied:

Unsere Wäscherinnen pflegten gewöhnlich schon früh Morgens anzustimmen:

  • Laßt euch einmal einen Spaß erzählen! –
  • In des Waldes tiefsten Gründen! –
  • Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten –

Die meisten dieser Melodien sangen wir den Alten nach, wußten freilich oft vom Texte nur selten mehr als die erste Strophe. Dagegen sangen wir bei unseren Spielen und Märschen:

  • Ein freies Leben führen wir –
  • Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! –
  • Frisch auf, zum fröhlichen Jagen! –

Alle diese Lieder stammten aus einer früheren Zeit, waren aber recht zeitgemäß geworden; dagegen waren neue entstanden, die der Gefühlsrichtung der Gegenwart noch mehr entsprachen und deshalb in anständigen Gesellschaften beliebt waren und oft und gern gesungen wurden. So die beiden Lieder:

  • Die Welt ist nichts als ein Orchester –
  • Freunde, laßt uns nicht so thöricht sein das Leben im Galopp hindurch zu fliegen.

Solchen Liedern konnte keine Censur etwas anhaben, noch weniger aber jenen Liedern, welche ›Gedruckt in diesem Jahr‹ zu den Drehorgeln gesungen wurden:

  • Unter den Akazien wandeln gern die Grazien –
  • Ik bin ein Franzose, Mesdames
  • Ich liebe das Incognito hat man in dem Kopf kein Stroh, kann man vieles sehen. (Jede Strophe schloß mit dem wiederholten: Aber nur incognito!)

Solche Leichtfertigkeit ward damals gedichtet und gesungen und fand ein dankbares Publicum. Eine schönere Erinnerung ist es für mich, wenn die Schüler ihren Neujahrsumgang hielten. Sie sangen jedem Hauswirth und Hausgenossen ein Lied und bekamen dann in die eine Büchse eine Gabe für den Rector, in die andere eine für sich. Bei uns mußten sie sich einfinden, wenn wir uns eben zu Tische gesetzt hatten, und jedesmal singen meines Vaters beide Lieblingslieder:

  • Gesund und frohes Muthes genießen wir des Gutes, das uns der große Vater schenkt –
  • Hoffnung, Hoffnung, immer grün!

So war denn das Jahr 1809 herangekommen. Die gesellige Fröhlichkeit verstummte allmählich, die Tagesbegebenheiten beschäftigten wieder alle Gemüther. In unserm Hause wurde wieder viel politisiert, ich mußte die Zeitungen vorlesen und auf der Landkarte den Kriegsschauplatz aufsuchen. Der Krieg in Spanien gewann immer größere Bedeutung; der Name Saragossa erfüllte uns mit Begeisterung; aber mit Wehmuth vernahmen wir, daß auf der Halbinsel Deutsche gegen Deutsche fechten mußten. Der Marsch nach Spanien galt für den sicheren Weg ins offene Grab. Wie viele Westfalen gingen hin, wie wenige kehrten heim. Ein Bauerjunge nahm sich ein Taschentuch voll Erde mit, um noch eine Nacht auf dem Boden leiner Heimat zu schlafen. Manche Mutter starb vor Gram über den Verlust ihres Sohnes, manche Braut vertrauerte ihr Leben. Herzzerreißend war der Gesang, wenn die Soldaten beim Ausmarsch anstimmten:
Ach du Deutschland, ich muß marschieren, ach du Deutschland, lebe wohl!

in: Mein Leben (S. 19f)