Ich hab im Traum gepflücket

Ich hab im Traum gepflücket
Ein liebes Röslein mir
Wie hat es mich entzücket
In seiner Frühlingszier

Es strömte neues Leben
Ins kranke Herz hinein
Ich mußt in Freude schweben
Wie konnt ich glücklich sein

Da kam ein böses Wetter
Ließ nichts mir als mein Leid
Denn meines Rösleins Blätter
Zerstoben weit und breit

Die Blätter aber woben
Sich bald zu einem Kranz
Und sahn vom Himmel droben
Herab im neuen Glanz

Das sind des Glückes Tage
Die mir ein Röslein gab
Jetzt wein ich nur und klage
Sie sank zu früh ins Grab

im November 1866, Trauer um seine Frau Ida vom Berge.

Tröste Dich in Deinem Leid (Idas Tod)

Tröste Dich in Deinem Leid,
Das Dir Gott beschieden!
Ist doch nur Vergänglichkeit
Unser Los hienieden

Eh´ das Leben oft beginnt,
Ist es schon vergangen;
Mitten in dem Leben sind
Wir vom Tod umfangen.

Arm und Reich, und Alt und Jung,
Was sich liebt´ und freute,
Hoffnung, Freud´, Erinnerung
Wird des Todes Beute.

Tröste Dich, Du liebes Herz!
Groß ist Gottes Güte,
Groß und größer als Dein Schmerz –
Daß Dich Gott behüte!

Text: Hoffmann von Fallersleben , am 28. Oktober 1860 –
An diesem Tag starb Hoffmanns Frau Ida vom Berge im Alter von 29 Jahren

So viele Blumen (Nach Edward´s Tode)

So viele Blumen blühen nun,
Mein Blümchen blüht nicht mehr;
Die Stätte, wo´s noch neulich stand,
Die ist nun wieder leer.

Ich wandle durch die Blüthenwelt
Allein mit meinem Schmerz,
Und niemand kennt und theilet ihn
Als nur ein Mutterherz.

Was blickt ihr Blumen mich so an?
So hat mein Kind geblickt
Aus seinen blauen Äuglein mir,
Noch eh´s der Tod geknickt

O weinet um das Brüderlein
Ihr Blumen jetzt mit mir,
Denn euer Bruder war es ja,
So schön, so lieb wie ihr!

Zum Tode des Sohnes Edward (26. Januar 1858) – Weimar. Mai 1858.

Das war nur ernst das war kein Spiel

Das war nur Ernst, das war kein Spiel:
wir kannten weder Maß noch Ziel –
das größte Glas, der größte Krug,
nichts war zu viel, nichts groß genug;
zu klein, zu klein schien jedes Maß,
zu klein für unseren großen Spaß.
Wir tranken aus, wir schenkten ein,
denn lauter Freude war der Wein.
O wundervolles Naß !
O Freud´ ohn´ Unterlaß !
O sel´ge Lust ! du Zauberhand,
das sich um Geist und Körper wand,
der Erde Freud´ und Leid verschlang,
im Liebesjubel widerklang,
als ob wir außer aller Zeit
im Hochgefühl der Seligkeit
nichts wüßten mehr vom Erdental,
von seinem Leid und seiner Qual !
O bleib, du schöne Zeit,
du Zeit der Seligkeit !
Und nun, wo ist doch all mein Mut ?
Ei, was ein Augenblick doch tut !
Ich bin nicht wild, ich bin nicht zahm,
ich bin nicht flink, ich bin nicht lahm,
ich bin nicht laut, ich bin nicht stumm,
ich bin nicht klug, ich bin nicht dumm,
ich bin nicht ernst, ich bin nicht froh –
wir ist mir denn ? – Mir ist so – so –
so seltsam, wunderlich,
so – katzenjämmerlich !
23. April 1854

Kein Christbaum

Kein Christbaum wird ihr mehr beschieden,
Wo´s noch geschah das vor´ge Jahr.
Sie schlummert schon in süßem Frieden,
Die unsre Freud´ und Hoffnung war

O laß uns nicht den Schmerz erneuen!
Nahm Gott uns wieder unser Kind,
Will er doch, daß wir auch uns freuen,
Weil wir noch seine Kinder sind.

Text: Hoffmann von Fallersleben ,
am Christabend 1853, Neuwied – ( Zum Tode der Tochter Maria )

Dein Leben war ein Leiden (Marias Tod)

Dein Leben war Ein Leiden
Ein langes Weh und Ach
Und als wir sahn Dich scheiden
Da weinten wir Dir nach

Du Knosp´ in Engelsfrieden
Gehüllt so hoffnungsgrün
Du solltest uns hienieden
Zur Blume nicht erblüh´n

Du brachtest als Du kamest
Der Hoffnung selig Glück
Und als Du Abschied nahmest
Blieb uns der Schmerz zurück

Maria´s Tod. – (18. Februar 1853) – Neuwied
Zum Tode von Hoffmanns und Idas Tochter

Ich fand im Winter ein Veilchen

Ich fand im Winter ein Veilchen
Das war so frisch und grün
Ich pflanzt es in meinen Garten
Drin sollt es im Frühlinge blühn

Mein Herz, das war der Garten
Und als die Welt ward grün
Da wollte mein Herzensblümlein
Für mich, für mich nicht blühn

Und als die Rosen blühten
Da weint ich, da sang ich und rief
Blüh auf, mein Herzensblümlein!
Mein Blümlein aber entschlief

Nun liegt´s im Herzen begraben
Schon lange, lange Zeit
Und mir ist nichts geblieben
Nichts als mein sehnend Leid

Holdorf 18. Januar 1849
aus Johanna-Lieder (1847-49)