Die Glockenblumen läuten gar fein

Die Glockenblumen läuten gar fein
Das hallet weit in das Dorf hinein
Bim bam! bim bam
Es hören die Bienen überall
Sie machen sich auf und folgen dem Hall
Bim bam! bim bam

Es sind im Morgensonnenschein
Erblüht die lieben Blümelein
Die Bienen kommen und schlüpfen hinein
Und holen den süßen Blütenwein

Doch als die Sonne scheiden will
Da schweigen die Glockenblumen still
Die Bienen danken für bim bam bum
Und fliegen heim mit Sang und Summ
Bim bam! bim bam bum

Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
in: Kinderlieder von Hoffmann von Fallersleben (zweite Auflage 1878)

Wie der Zaunschlüpfer König ward

Weithin König Adler sah,
Wie der Frühling fern und nah
Alles hatte schön geschmückt
Und erfreuet und beglückt.

König Adler fröhlich war,
Rief: „Gut Heil, Du Vogelschar!
Morgen soll ein Turnfest sein,
Und ich lad´ Euch alle ein!“

Und da kam die Vogelschar:
Rabe, Drossel, Elster, Star,
Meise, Häher, Wiedewall,
Kuckuck, Specht und Nachtigall.

Und man reckt sich, streckt sich, ringt,
Klettert, schwingt sich, hüpft und springt;
Endlich kommt der Dauerlauf —
König Adler spricht darauf:

„Stellt Euch jetzt in Reih und Glied,
Alle, ohne Unterschied!
Wer am höchsten fliegen kann,
Der soll König sein fortan!“

Turr! da flog die ganze Schar,
Aber unterm Flügelpaar
König Adlers saß versteckt
Herr Zaunschlüpfer, unentdeckt.

Als der Adler endlich doch
Matt ward, flog Zaunschlüpfer noch,
Höher noch ein ganzes Stück,
Kam als König dann zurück.

-1865

Der Kiebitz und die Kiebitzin

Der Kiebitz und die Kiebitzin
Die hatten beide einen Sinn:
Sie fingen an zu tanzen.
Sie hoben hurtig Bein um Bein
und sprangen hoch im Sonnenschein.
Das war ein lustig Tanzen!

Die Jungfer Gans, die sah es an:
Was andre können, ich auch kann!
Und fing auch an zu tanzen.
Ei, Jungfer Gans, was fällt dir ein?
Du brichst am Ende noch ein Bein
Mit Deinem fetten Ranzen!

Die Gans, die stolpert über´n Stein
Und purzelt hin und bricht ein Bein;
Da war vorbei das Tanzen.
So mußt´ es kommen, Jungfer Gans!
Das Tanzen ist nicht Jedermanns;
Laß künftig andre tanzen!

-1858

Der Kuckuck hat gerufen

Der Kuckuck hat gerufen:
Nun laßt uns fröhlich sein!
Er kündet uns den Frühling
Mit seinem Sonnenschein.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!

Der Kuckuck hat gerufen,
Er ruft uns fort von Haus,
Wir sollen jetzt spazieren
Zum grünen Wald hinaus.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!

Der Kuckuck hat gerufen,
Und wer´s nicht hören mag,
Für den ist grün geworden
Kein Feld, kein Wald noch Hag.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!

-1858

Der Kuckuck nicket mit dem Kopf

Der Kuckuck nicket mit dem Kopf
Und spricht: Gevatter Wiedehopf,
Willst du der beste Tänzer sein
Vor allen Vögeln groß und klein,
Zeig deine Künste denn im Nu!
Ich musiziere dir dazu:
Kuckuck, Kuckuck! hopp, hopp!

Da hub Gevatter Wiedehopf
Gar stolz empor den bunten Schopf,
Und hopste lustig, hopp, hopp, hopp!
Und freute sich gar sehr darob.
Wer gerne tanzt, ist gleich bereit,
Und wenn auch nur ein Kuckuck schreit:
Kuckuck, Kuckuck! hopp, hopp

(1858)

Hornissen, Wespen, Hummeln

Hornissen, Wespen, Hummeln,
Wo die herum sich tummeln,
Da laß du das Necken
Mit Gerten und Stecken

Und wenn sie Pflaumen und Trauben
Benaschen auch und beklauben,
Honig den Bienen rauben,
Sie können sich rächen
Und können dich stechen.

Laß drum herum sich tummeln
Und summen
Und brummen
Hornissen, Wespen und Hummeln!

-1858

Nun sag mir an warum (Maikäfer)

Nun sag mir an warum
Maikäfer, summ, summ, summ!
Du fliegst am Fenster hin und her
Und willst mein Laub und Haus nicht mehr!
Was schwirrst du so? was schnurrst du so?
Warum bist du nicht mehr so froh?

Lieb Kindlein, still, still, still!
Hör, was ich sagen will
Wie sollt ich denn wohl fröhlich sein
In deinem dunkeln Haus allein
So fern von frischer Himmelsluft
Von lichtem Grün und Laubesduft?

Maikäfer, summ, summ, summ!
Nun sag mir an: warum?
Hab ich doch Fenster dir gemacht
Und frisches Laub dir stets gebracht
Dein Haus in Sonnenschein gestellt
Und dich geführt in Wald und Feld!

Lieb Kindlein, still, still, still!
Hör, was ich sagen will
Wenn ichs mit dir auch so gemacht
Du würdest weinen Tag und Nacht
Und wär ich noch so gut dabei
Du sprächst doch allzeit: laß mich frei!

Text: Hoffmann von Fallersleben , Kinderlieder  – 1850

Mauskätzchen wo bleibst du

Mauskätzchen, wo bleibst du?
Mauskätzchen, was treibst du?
In unserem Häuschen
sind schrecklich viele Mäuschen
Sie pfeifen und rappeln
sie trippeln und trappeln
in Kisten und Schränken
auf Tischen und Bänken
sie stehlen und naschen
und will man sie haschen
wupp! sind sie fort!

„Du rufst mich, da bin ich!
Sei still, nun beginn´ ich
Ein Tänzchen mit allen,
Das soll dir gefallen.
Erst sitz´ ich, dann schleich* ich,
Dann nah´ ich, dann weich´ ich,
Dann leg´ ich mich nieder,
Dann heb´ ich mich wieder.
Kaum schwing´ ich mein Schwänzchen
Und schnurre zum Tänzchen,
Wupp! sind sie da!“

Sie tanzen im Kreise
Auf närrische Weise,
Hopp heißa! so munter
Hinauf und herunter.
Dann fass´ ich beim Ohr sie,
Dann werf ich empor sie;
Und fallen sie nieder,
Dann fang´ ich sie wieder
Und will dann die Maus doch
Nun endlich ins Mausloch —
Wupp! beiß´ ich sie tot!

1847 – Melodie von Maria Nathusius

Der Störche Wanderlied

Fort, fort, fort und fort
an einen andern Ort
Nun ist vorbei die Sommerzeit
drum sind wir Störche jetzt bereit
von einem Land zu andern
zu wandern

Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Bauern lebet wohl!
Ihr gabt zur Herberg´ euer Dach
Und schütztet uns vor Ungemach:
Drum sei euch Glück und Frieden
Beschieden.

Du, du, du und du,
Leb wohl, du schöner Teich!
Du hast an deinen Ufern oft
Verliehn, was unser Herz gehofft.
Dein denken wir von ferne
Noch gerne.

Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Frösche lebet wohl!
Ihr habt uns oft Musik gemacht
Und uns mit manchem Schmaus bedacht.
Lebt wohl, auf Wiedersehen!
Wir gehen.

Fort, fort, fort und fort
An einen anderen Ort!
Nun ist vorbei die Sommerzeit:
Drum sind wir Störche jetzt bereit
Von einem Land zum andern
Zu wandern.

1844 auf die Melodie: Es, es, es und es

Tanzlied der Mücken

Frisch, ihr Blumen und Halme,
Frisch, spielt uns zum Reih´n!
Denn es winket die Sonne
Mit pupurnem Schein.
Laßt uns schweben im Tanze
Am Bach und im Feld!
Uns gehöret die ganze,
Die unendliche Welt.

Weile länger, o Sonne!
„Wer weiß, ob einmal
Uns noch scheinet zum Tanze
Dein lieblicher Strahl?
Ach, wer weiß, ob uns morgen
Ein Wiedersehn lacht?
Heißa, lustig getanzet,
Eh´ uns scheidet die Nacht

Heißa, lustig getanzet
Im blumigen Duft.
Laßt uns singen und summen
In säuselnder Luft!
Laßt uns schweben und weben
Hinab und hinauf!
Denn es hat ja die Sonne
Bald vollendet den Lauf.

-1844