Wie fühl ich mich verloren hier (Weimar)

Wie fühl ich mich verloren hier
an dieses Flusses Strand !
Die Welt verschwimmt im Nebel mir,
als wär´s ein Geisterland

Ein Schatten irr ich still einher
wie in der finsteren Nacht;
Furchtsam mein Gang, mein Atem schwer,
nichts, was mir Freude macht

Der Nebel schleiert alles ein,
soweit das Auge schaut.
Gestorben scheint die Welt zu sein:
Kein Sang, kein Klang, kein Laut

Es hüllt in Trauer das Gefild
mit seinem kalten Hauch
und hält zurück im Wald das Wild,
den Vogel in dem Strauch

Verschwunden sind in Nacht und Graus
die Wälder und die Aun.
Da ist kein Baum., kein Turm noch Haus
noch Mühle mehr zu schaun

So war mein Leben oft wie hier
in Nebel eingehüllt:
Kein Tag der Freude glänzte mir,
kein Hoffen ward erfüllt

Und endlich kam ein Sonnenstrahl,
der Nebel bebt‘ und wich:
Tag ward es über Berg und Tal,
Tag ward es auch für mich

November 1855

Was ist das Traurigste doch hier auf Erden ?

Was ist das Traurigste doch hier auf Erden ?
Das ist des Menschen schwächliche Natur.
Er braucht des Teufels gar nicht erst zu werden,
er ist sein eigener Teufel immer nur

Stets voll von Furcht und Angst und lauter Kummer
gönnt er sich keinen frohen Augenblick,
er weiß von keiner Ruhe, keinem Schlummer,
uns selbst das Glück dünkt ihm ein Mißgeschick

An keinen anderen Teufel müßt du glauben,
nur an den Teufel, der du selber bist,
und dieser Teufel kann dir alles rauben,
was Leben, Freude, Heil und Segen ist

Frisch auf ! zum Teufel jag´ den Kameraden,
nur gegen ihn zeig deinen Groll und Zorn,
und werd´ ein freier Mensch von Gottes Gnaden,
der Lieb´ und Freude reicher Segensborn.

23. Oktober 1872 – aus dem Nachlaß

Wenn die Rosen wieder blühen

Wenn die Rosen wieder blühen,
denk ich meiner Jugendzeit,
die nicht kannte Sorg´ und Mühen
noch des Herzens sehnend Leid

Doch ihr blüht mir nicht vergebens,
Rosen der Erinnerung:
Auch am Abend meines Lebens
fühl ich mich noch immer jung

Jung noch, voller Lust und Leben
biet ich allen Herz und Hand,
die mit mir nach Freiheit streben
für das deutsche Vaterland

1869

Heil ihm der den geraden Pfad

Heil ihm, der den geraden Pfad
des Rechts und der Wahrheit gewandelt hat,
in edlem Zorneseifer zertrat
allen Lug und Trug und allen Verrat
am Vaterland und an Kirch´ und Staat,
an der Menschheit Proletariat !

Heil ihm, der für die Freiheit früh und spat
kämpfte wie ein tapferer Soldat.
Sie bleibt seine Braut im Hochzeitsstaat.
Nie könnt er werden ein Renegat,
nie üben an seiner Verlobten Verrat;
und hielt ihn gefangen Kosak und Kroat,
und säh´ er nur Blut und Tränenbad,
und würd er begnadet zu Galgen und Rad,
Er bliebe der Freiheit Advokat
mit Sang und Wort, mit Rat und Tat.

Und wenn einst der Tag der Vergeltung naht,
wenn gewogen wird Gesinnung und Tat,
wenn die Ernte kommt für jede Saat,
dann wird erkannt, was er ist, was er tat,
dann ruft mit mir jeder Demokrat:
Hoch lebe mein alter Kriegskamerad !
Hoch Ferdinand Freiligrath !

7. August 1868

Deutsches Weihnachtslied

Zwar bin ich nur ein armer Mann –
wer aber ist so reich wie ich ?
Reich ist das Herz, das lieben kann
und liebt und hofft und lebt für dich

Mein Vaterland, du weilst nicht mehr
im reich der Träume still und fern:
Der Morgen tagt, schon leuchtet hehr
und freudig deines Glückes Stern

Nacht wars für dich, zu lange Nacht:
Heil dir, es bricht dein Morgen an !
Der Einheitsdrang, er ist erwacht,
den keine Macht mehr hemmen kann

Bald klingt ein froher Siegeston
vom Alpenlande bis zum Belt:
Die Einheit ward der Liebe Lohn
und uns gehört der Zukunft Feld

13. Dezember 1864

Eine Hannoversche Ausweisung

In des Somme milden Tagen
denkt kein Mensch an Jagd und Hirsch:
in den Wäldern, in den Hagen
bleiben friedlich Has´ und Hirsch.

Nur auf mich hat man gefahndet,
nur auf mich die Meut´ entsandt,
und noch eh´ ich es geahndet,
mich ergriffen und verbannt.

Und so ward ich denn vertrieben
und der Heimat schnell entwandt –
doch zum Trost ist mir geblieben
noch mein großes Vaterland.

Meine Heimat kann ich meiden,
Leben kann ich ohne sie:
aus dem Leben kann ich scheiden,
aus dem Vaterlande nie.

17. Februar 1854 (aus dem Nachlaß)

Heut noch sind wir hier zu Haus

Heut noch sind wir hier zu Haus,
Morgen geht´s zum Tor hinaus,
Und wir müssen wandern, wandern,
Keiner weiß vom andern.

Lange wandern wir umher
Durch die Länder kreuz und quer,
Wandern auf und nieder, nieder,
Keiner sieht uns wieder.

Und so wandr´ ich immer zu,
Fände gerne Rast und Ruh,
Muß doch weiter gehen, gehen,
Kält und Hitz ausstehen.

Manches Mägdlein lacht mich an,
Manches spricht: „Bleib lieber Mann!“
Ach ich bliebe gerne, gerne,
Muß doch in die Ferne.

Und die Ferne wird mir nah:
Endlich ist die Heimat da!
Aber euch, ihr Brüder, Brüder,
Seh ich niemals wieder.

Text: 1. Strophe anonym , 2.- 5. Strophe von Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874), Mai 1848
Melodie: aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

www.ingeb.org merkt folgendes dazu an: Die 1. Strophe und Melodie waren Ludwig Erk um 1843 als Volkslied bekannt; er hat sie 1845 in seinen „Volksklängen“ veröffentlicht –  2. bis 5. Strophe 1848 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben dazugedichtet und mit der Volksweise in seinem „Volksgesangbuch“ Leipzig 1848 herausgegeben.
Die ersten 4 Takte sind bei mehreren slawischen Volksliedern anzutreffen, so auf deutschem Boden bei „Saß auf der Linde hier“ und (aus Dubring) „Kukiz ist ein kleiner Ort“ in Haupt-Schmalers „Volkslieder der Wenden in der Ober-Lausitz“ I, Grimma 1841, sowie bei „Mädchen, warum weinest du“ (1880 aus Enskehmen bei Stallupönen) in Christian Bartsch´

Das ist die Rebenlaube wieder

Das ist die Rebenlaube wieder
Wo ich mit ihr noch neulich saß
Wo ich ihr meine jüngsten Lieder
Von einem schönren Frühling las

Noch blühen an derselben Stelle
Gar manche Blumen täglich auf
Noch rauscht herab die Bergesquelle
In ihrem alten muntern Lauf

Noch ziehen süße Blütendüfte
Wie Freundesgrüße durch das Tal
Und um des Waldes kalte Klüfte
Spielt mild der Abendsonne Strahl

Sie aber weilt im fremden Lande
Wo ihr kein heimisch Wort erklingt,
Und ahnt nicht, daß am Neckarstrande
Ein Herz noch manches Lied ihr singt.

in Johanna-Lieder (1847-49)