Neues Jahr Neues Jahr

Neues Jahr neues Jahr
sei uns, was das alte war
rat´ uns allen, wehr´und warn´ uns
mahn uns väterlich und lehr uns
hut und ehrenwert zu sein

Neues Jahr! Neues Jahr!
schirm und schütz uns vor Gefahr
laß für´s Vaterland uns jeden
stets der Wahrheit Stimme reden
in der Hütt´ und vor dem Thron

Neues Jahr! Neues Jahr!
sei uns gnädig immerdar
Allen Halben, Lauen, Flauen
schenke Kraft und Selbstvertrauen
und Gesinnung doch einmal

Neues Jahr! Neues Jahr!
mach uns unsere Hoffnung wahr
Siegen laß die gute Sache
daß der Schlechte, Feige, Schwache
niemals mehr sein Haupt erhebt

Neues Jahr! Neues Jahr!
mach es endlich Allen klar
daß wir mit dem Vaterlande
haben Ehr und Ruhm und Schande
Segen, Glück und Heil gemein

Neues Jahr! Neues Jahr!
sei uns, was das Alte war
daß in deiner letzten Stunde
dies noch schallt aus Aller Munde
„Tausend Dank, dir, Altes Jahr!“

Text: Hoffmann von Fallersleben –
Musik: auf die Melodie von Morgenrot Morgenrot bzw. Ach wie bald ach wie bald

Zwei Strauße sind anjetzt vorhanden (Die beiden Strauße)

Zwei Strauße sind anjetzt vorhanden
zwei Strauße von verschiedener Art
Ein Paar wie sich´s in allen Landen
noch niemals hat geoffenbart

Man muß sie hören, muß sie sehen
und mancher wird davon entzückt
und mancher kann nicht mehr genesen
er wird halb närrisch und verrückt

Und wenn der eine musiciret
spazieren wir ins Himmelshaus
und wenn der andere disputiueret
jagt er Gott Vater selbst hinaus

Könnt ich ein kleines Fürstlein werden
von Gottes Gnad und Volkes Gold
so nähm ich für die Volksbeschwerden
die beiden Strauß´ in meinen Sold

Der eine wäre mein Minister
für´s Budget und die Kabbala
er lehrte dann die Heern Philister
wie sie einstimmig sprächen: Ja

Er sollte dartun in Sermonen
begreiflich für ein jedes Kind
Daß Volk und Konstitutionen
nicht viel, gar nichts, nur Mythen sind

Den andern würd ich nur verwenden
wenn´s Aufruhr gäb und Mord und Brand
er würde mit der Geig´ in Händen
gleich bändigen das ganze Land

Trotzdem hab ich in unseren Tagen
vor keinem Strauße Furcht und Graun
die Zeit hat einen Straußenmagen
wird auch den Doktor Strauß verdaun

Das Wasser sprach zum Eise (Die Abtrünnigen)

Das Wasser sprach zum Eise: „Kind,
so bleib doch nicht so stehn!
Der Weg ist weit, die Zeit verrinnt,
wir müssen weiter gehn“

„Leb wohl, ich kehre nicht zurück
Leb wohl! Ich bleibe hier:
Beschert ward mir ein höhres Glück,
jetzt bin ich mehr als ihr.“

„Komm aus dem Himmel doch geschwind!“
Sprach´s Wasser zu dem Schnee.
„Der Weg ist weit, die Zeit verrinnt,
wir müssen in die See.“

„Leb wohl und grüß das Vaterland!
Ich gehe nicht mit dir:
Jetzt hab ich einen höhern Stand,
jetzt bin ich mehr als ihr.“

So bliebt ihr Freund´ uns auch zurück
weil Stillstand euch gefiel
Ich suchtet euch ein andres Glück
ein andres Lebensziel

Einst gingen wir wohl Hand in Hand
die Mutter rief so laut-
Die Mutter war das Vaterland
Die Freiheit unsere Braut

Ihr, die ihr Eis und Schnee jetzt seid
und dünkt euch mehr als wir
O wartet nur, es kommt die Zeit
und – Wasser seid auch ihr

Deutsches Volk wie gut beraten (Grün)

Deutsches Volk, wie gut beraten!
Hoffnung sprießt in deinen Gau´n:
Grün sind stets noch deine Saaten,
deine Wälder, deine Au´n.

In der Hoffnung ruht dein Leben:
bleibt auch manche Hoffnung aus –
Steuern nehmen, Steuern geben,
diese Hoffnung stirbt nicht aus

Hoffnung tilget deine Klagen,
löschet deines Zweifels Spur,
denn mit grünem Tuch beschlagen
sind die Sitzungstische nur

Darum geh in diesen Tagen,
Deutsches Volk, in Hoffnungstracht;
grüne Röcke musst du tragen,
weil man dir nur Hoffnung macht

Polizei, Geld und Wetter

Freier Mensch mit göttlichen Entwürfen,
voll von hohen himmlischen Ideen,
aus dem Born der Schöpfung kannst du schlürfen
und ins Angesicht der Gottheit sehen.
Aber ohne Paß, da bist du kaum ein Tier
freier Mensch, es tauscht kein Hund mit Dir!

Freier Mensch, voll hoher Gottesgaben
kannst du alles hören, alles sehen
kannst genießen alles, alles haben
darfst nicht unbefriedigt weiter gehen.
Aber ohne Geld, du gibst es selber zu
freier Mensch, ein Schaf ist mehr als du

Freier Mensch, setz auf die Pudelmütze,
daß dich Kopfweh nicht und Zahnschmerz plagt;
nimm den Schirm, er ist dir heute nütze
weil das Wetter doch nach dir nicht fragt
Denn das Wetter ist wie Geld und Polizei,
freier Mensch, leb wohl ! und wird‘ erst – frei !

( Stimmen der Freiheit , Herausgegeben von: Konrad Beißwanger , 1902,
Literarisches Bureau Nürnberg , Verlag für Volks- und Arbeiterliteratur )

Glückauf aus dieser trüben Zeit

Glück auf aus dieser trüben Zeit
voll Irrtum und Verworrenheit
empor zum reinen Himmelslicht
Für´s Vaterland, für Ehr´ und Pflicht!

So lange Gottes Sonn´ uns scheint
des Reiches Freund, der Pfaffen Feind!
Glück auf! So ruf ich´ s allen zu –
Ihr Freunde hört´ s! So hör´ s auch Du !

(Quelle: An meine Freunde )
von Hoffmann von Fallersleben am 1.1.1874 an viele Freunde auf Postkarten gesandt , wenige Tage später starb er in Corvey , am 19. Januar 1874

Die Welt steht wieder still (Schlechte Aussichten)

Die Welt steht wieder still
als wäre sie am Ziel.
Der Fortschritt, den man will,
ist nur ein Börsenspiel

Ermüdet und erschlafft
im zweifelhaften Glück
läßt Wille, Mut und Kraft
sich drängen schon zurück

O unaussprechlich Leid
fürs deutsche Vaterland,
daß unsere große Zeit
so kleine Menschen fand !

Kurz vor seinem Tode schrieb Hoffmann von Fallersleben über sein „Lied der Deutschen“

Und ich sang von Deutschland wieder,
sang in Freud und Hoffnung nur
Doch mein „Deutschland über alles“
kam und war – Makulatur

Am Bartholomäustage ,  24. August 1872 (aus dem Nachlaß)

Du bist ein Strauß o lieber Staat (Ohne Titel)

Du bist ein Strauß, o lieber Staat,
du steckst verfolgt den Kopf in Sand;
du gibst dir selber guten Rat,
doch ratlos bleibt das Vaterland

Und ihr mit eurem großen Wort,
als speiset ihr nur Freiheitsbrei,
habt weiter nicht als immerfort
unselige Rechnungsträgerei

Vom Feinde lernet einig sein !
Zur Tat macht endlich das Hallo !
Ermannet Euch, ! frisch auf, schlagt drein !
Die schwarze Bande will´ s ja so.

27. August 1872
(aus dem Nachlaß)

Ein trostlos Land dies Yankeeland

Ein trostlos Land dies Yankeeland
Es ist ein trostlos Land dies Yankeeland:
Die Blumen blühen, aber duften nicht,
Die Vögel flattern, aber singen nicht,
Die heimischen Trauben haben keinen Saft,
Der Winter ist sehr lang und rauh und kalt,
Und statt des Frühlings gibt es Sommer nur

Trostloser aber ist dies Yankeevolk:
Selbstsüchtig immer auf Erwerb erpicht
Versteht zu rechnen und zu spekuliern.
Und wie sein Körper stets in Arbeit ist,
So ruht sein Geist auch nie und unternimmt
Was irgend Vortheil bringt und bringen kann.

Es gönnt sich keinen weiteren Genuß,
Die Freude an der Natur, an Poesie,
An heiterer Gesellschaft ist ihm fremd.
Es kann nicht singen, kann nicht musizieren
Doch Geld verdienen, Geld besitzen, ja,
Das ist die Kunst, die es vortrefflich kann.
Wenn im Geschäft nicht ausreicht Redlichkeit,
So weiß der Yankee sich zu helfen noch:
Der Humbug hilft, und der Betrogne wird Verlacht,
und der Betrüger wird gelobt
Und ist ein smart fellow, ein Ehrenmann.

Der Yankee fühlt sich politisch frei,
Und freier als ein andres Menschenkind,
Doch fühlt er nicht, wie er ein Sklav nur ist
Von seines Stammlands Überlieferung:
Er kann im Frack nur und im Hute gehn,
Und muß der Sonntagsfeier streng Gebot Verfolgen ganz genau,
und wenn er so Der Kirch´ und seinem Gott genug gethan,
Ist er ein guter Christ und Gentleman
Sonst kann er schlecht und niederträchtig sein,
Grob, eklig, eigennützig, mitleidslos.

0 möchte doch das deutsche Element
Nicht untergehn in diesem Yankeepfuhl,
Und blühn wie eine Wasserlilie rein
Zu Gottes und des Vaterlandes Preis!

Hoffmann von Fallersleben, 26. Januar 1871.