Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

Ein Portrait Hoffmann von Fallerslebens

»Ein Männlein steht im Walde« oder »Alle Vöglein sind schon da« oder »Summ, summ, summ, Bienchen, summ herum«. Wer kennt sie nicht – diese melodiösen Volkslieder? Wer hat nicht in seinen Kindertagen »Winter ade! Scheiden tut weh« gesungen oder den Frühling mit folgenden Versen begrüßt: »Der Kuckuck und der Esel die hatten einen Streit wer wohl am besten sänge zur schönen Maienzeit … «

Und zu Weihnachten trällern wir noch heute »Morgen kommt der Weihnachtsmann … « Nicht jeder, der mit diesen Liedern vertraut ist, wird sie dem Manne zuordnen, der uns heute fast ausschließlich als der Verfasser des Deutschlandliedes bekannt ist. Mehr als 500 Kinderlieder schuf Hoffmann von Fallersleben. Er schien dem Gemüt des Kindes und dessen Phantasiewelt auf wundersame Weise verbunden zu sein. Aber wie läßt sich eine Brücke schlagen zwischen den Kinderliedern, den lyrischen Liebesdichtungen, seinen zum Teil fast sentimental anmutenden Romanzen und den politischen Werken, für die er im Jahre 1842 des Landes verwiesen wurde?

August Heinrich Hoffmann wurde am 2. April 1798 in Fallersleben (heute ein Ortsteil von Wolfsburg), dem Ort, den er sich später als Namenszusatz geben sollte, geboren. Als Sohn eines angesehenen Kaufmanns und Bürgermeisters genoß der Junge neben der Bürgerschule eine besonders gute Ausbildung durch einen Privatlehrer. Aber noch bevor er sechs Jahre als war, erlebte er die politischen Wirren jener Zeit hautnah mit.

Der Beginn des 19. Jahrhunderts war charakterisiert durch große politische Umwälzungen, durch das allgemeine Chaos, das in Deutschland herrschte und noch lange kein Ende nehmen sollte. Die Napoleonischen Kriege begannen, und der korsische Staatsmann ordnete Deutschland neu, um es pointiert auszudrücken. Auch das kleine, idyllische Städtchen Fallersleben erlebte tiefgreifende Veränderungen. So fiel es 1803 an Frankreich, zwei Jahre später an Preußen, 1810 dann gehörte es zu dem von Napoleon gegründeten Königreich Westfalen, und schließlich und endlich wurde es wieder preußisch.

Der junge Hoffmann wuchs damit auf, ständig marschierenden Soldaten oder verwundeten und verstörten Heimkehrem zu begegnen. Die Schlachten waren oft so nah, daß er den Donner der Kanonen hören konnte, wenn er sein Ohr auf den Boden legte. Im Jahre 1812 wurde er konfirmiert und besuchte für die kommenden zwei Jahre das Pädagogikum in Helmstedt. Hier begann er erstmals, wenn auch noch recht zaghaft und etwas unbeholfen, sich »poetisch auszusprechen«; er schrieb seine ersten Gedichte:  »Dort wo fliegt der schwarze Rabe Neben langen Wasen Ruht auf grünem Rasen Ein lockiger schöner Knabe«.

Mag es für Hoffmann hier relativ ruhig und beschaulich zugegangen sein, so tobten in Deutschland doch bald die nationalen Befreiungskriege, deren entscheidende Wende erst die bislang gewaltigste Schlacht der Weltgeschichte, die Völkerschlacht bei Leipzig, brachte. Die französische Herrschaft brach zusammen, und Napoleon wurde nach Elba verbannt.

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