Willkommen Bruder Hengstenberg

„Willkommen, Bruder Hengstenberg!
Wie geht´ s in deutschen Landen?
Ist alles noch wie ich´ s verließ,
ist alles noch vorhanden?

O lieber Bruder, sag´ s mir an,
Ich habe schon seit Jahren
von unserem teueren Vaterland
kein Sterbenswort erfahren.“

Sie alle treiben´ s immer noch,
wie sie´ s vor Jahren trieben,
´s ist alles fast noch ebenso,
wie´ s früher war, geblieben.

Doch ändert sich ein wenig nur,
gleich schreien alle Stände:
Da sieht man was der Fortschritt macht!
Das Alte geht zu Ende.

Die Kirchen stehen noch immer leer,
die Kneipen werden voller,
und was den Glauben anbetrifft,
so ward die Welt noch toller.

Sie glauben jetzt, es dürft ein
Christ nie sein ein Sklav auf Erden,
noch Hunger leiden obendrein
und so des Teufels werden.

Und andere sind so herzlich dumm
als unsere Schaf und Rinder,
und diese nennt die Pfaffenschaft
die wahren Gotteskinder.

Die einen gehen nach Trier hin,
vor Christi Rock zu beten;
die anderen mühen sich
Adamsschuld im Herzen auszujäten.
Der Wehrstand ist auch immer noch
ein Stand von hoher Ehren:
Denn was der Bürger geben muß,
muß der Soldat verzehren.
Die Polizei meint´ s gut und hält gar weis´
uns noch in Schranken,
damit wir schonen unseren Kopf
und nicht am Leib erkranken.
Die Schriftgelehrten lehren noch,
was man erlaubt zu lehren,
und können immer mit Zensur
durch Schrift die Welt bekehren.
Und die Studenten kommersieren,
den Wissensdurst zu stillen,
sie rauchen mancherlei Tabak
und tragen meistens Brillen.
Die Bürger gehen noch zu Bier,
wie sie´ s vor Jahren taten,
zufrieden, daß sie können
so das Heil der Welt beraten.
Die Bauer bauen noch das Feld,
und ziehen Pferd und Rinder,
beglückt, daß Bauern wiederum
auch werden ihre Kinder.
Was irgendwie freisinnig ist
im lieben Vaterlande,
das wird auch heute noch wie sonst
verfolgt als Konterbande.
Man untersucht, man sperret ein,
bestrafet Schrift und Reden:
Drum ist der Freisinn auch Passion
noch nicht für einen jeden.
Du siehst nun, Bruder Hengstenberg,
es blieb noch stets beim Alten:
Der deutsche Bund hat´ s noch zu gern
stets Ferien zu halten.

Doch hoffen wir von ihm nur Heil
und hoffen´ s jede Stunde,
denn Deutschlands ganze Hoffnung
ruht nur auf dem deutschen Bunde.

1. November 1844 (aus dem Nachlaß ? )
Melodie: Gott grüß dir, Bruder Straubinger !

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