Ein Bänkelsänger bin ich zwar

Ein Bänkelsänger bin ich zwar
für euch und sing euch schlecht,
doch sang ich schon manch liebes Jahr
von Freiheit, Licht und Recht.
Ihr aber schriebet mit Zensur
Novellen und dergleichen nur,
singt in Salons und spracht beim Tee
von unseres Volkes Not und Weh.

Ich sang durchs liebe Vaterland,
man hörte gern mich an,
und wie ich alles sah und fand,
so sang ich´ s jedermann.
Da sagtet ihr: Was soll der Sang?
Das alles wissen wir schon lang.
Doch reif ist unser Volk noch nicht –
Ruh´ ist die erste Bürgerpflicht.

Und als ich doch mißliebig ward
trotzdem an manchem Ort,
da fandet ihr es nicht zu hart,
daß man mich jagte fort.
Da sagtet ihr: ´s geschieht ihm recht!
Er sang zu frech, zu keck, zu schlecht !
Und sagtet auch noch nebenbei:
Ganz recht hat unsere Polizei!

28. Januar 1847 (in: Schwefeläther)
Melodie: Ich bin der Schneider Kakadu


Ach Unser Leben ist nur ein Traum

Ach ! Unser Leben ist nur ein Traum,
und unsere Hoffnung nur Schatten und Schaum.
Wir suchen umsonst nach Freiheit und Glück
und rufen umsonst den Frühling zurück,
den Frühling, der unsere Zukunft enthüllt
und unser Sehnen und Hoffen erfüllt.

Die Wälder säuseln im Laubesgrün,
die Quellen rauschen, die Blumen blühn,
die Reben lüpfen die Äugelein
die Vögel singen im Sonnenschein:
Der Frühling kommt wieder jedes Jahr –
Und Deutschland bleibt immer wie es war.

Dieses Gedicht veröffentlichte Hoffmann noch einmal in der Sammlung ” Heimatklänge ” mit der geänderten ersten Zeile: “Ach! Neue Zeit, du bist nur ein Traum…”

26. Januar 1847 (in: Schwefeläther)


Auswanderungslied

Unsre Fürsten hatten viel versprochen,
Doch das Halten schien nicht ihre Pflicht.
Haben wir denn nun soviel verbrochen,
daß sie hielten ihr Versprechen nicht?

Schlimmer wird es jetzt von Tag zu Tage,
Schweigen ist nur unser einzig Recht:
Untertanen ziemet keine Klage,
Und gehorchen muß dem Herrn der Knecht.

Unsre Brüder werden ausgewiesen,
Mehr als alles Recht gilt Polizei.
Heute trifft es jenen, morgen diesen,
Jeder, jeder Deutsch’ ist vogelfrei.

Deutsche Freiheit lebet nur im Liede,
Deutsches Recht, es ist ein Märchen nur.
Deutschlands Wohlfahrt ist ein langer Friede –
Voll von lauter Willkür und Zensur.

Darum ziehn wir aus dem Vaterlande,
Kehren nun und nimmermehr zurück,
Suchen Freiheit uns am fremden Strande –
Freiheit ist nur Leben, ist nur Glück.

Text: Hoffmann von Fallersleben , am 9. Oktober 1846
in: Schwefeläther , 1846
Melodie: Holde Nacht, dein dunkler Schleier decket


Liebe Freunde Patrioten (Diensteifer)

Wie groß der Eifer für die allgemeinsten und umfassendsten Maßregeln zum festlichen Empfange seiner Majestät ist, mag unter anderem folgendes Kuriosum zeigen. Der Magistrat der Stadt Beuthen in Oberschlesien ladet die Bürgerschaft zu einer Beratung über diesen Gegenstand durch eine Zuschrift folgenden Inhalts ein:
“Der Empfänger erhält hierdurch den Befehl, am 27. Des Monats als künftigen Sonntag, nachmittags 4 Uhr, am Garnisonsstalle bei Vermeidung von einem Taler Strafe oder 48 Stunden Arrest zu erscheinen und anderweitige Anweisungen zu gegenwärtigen.
(Elberfelder Zeitung, 7. Oktober 1846)

“Liebe Freunde, Patrioten,
Bürger unser Stadt allhier!
Jedem wird hiermit geboten,
daß er morgen komm´ um vier –
Majestät wird uns beehren –
wer das Kommen unterläßt,
muß ´en Taler Pön bescheren
oder kriegt zwei Tag´ Arrest.”
Und wir Patrioten gingen
auf des Bürgermeisters Wort,
und die Majestät empfingen
wir mit lautem Jubel dort.
Jubel war in allen Straßen,
Jubel war in jedem Haus,
und die Kranken selbst vergaßen
all ihr Leid und gingen aus.
Welch ein Jubel in den Schenken!
Keine Bürgerstunde schlug.
Jubel war nur unser Denken;
Jubel unseres Herzens Zug.
Und wer sollte heute dürfen?
Solch ein Jubel kennt kein Ziel.
Auf das Wohl des besten Fürsten
trinkt kein Untertan zu viel.
Ja, in diesen schönen Tagen,
hold verklärt vom Königsblick,
dachten wir an keine Plagen
noch an unser Mißgeschick.
Selbst die Schlacht – Mahl – Klassensteuer
war uns aus dem Sinn gerückt.
Ewig bleibt der Tag uns teuer,
wo uns der Regent beglückt.
In der Zeitung steht zu lesen:
Nirgend Jubel mehr als hier;
Patriotischer gewesen
sei kein Untertan, als wir.
Nur aus freiem Willen, heißt es,
ward die Huldigung dargebracht,
und es wird des guten Geistes
Allergnädigstens gedacht.
Solch ein Tag ist unvergeßlich,
und die nächsten Folgen sind
für die Stadt ganz unermeßlich,
und sie zeigen sich geschwind.
Alle Bürger sind entzückt,
alle schwelgen hoch in Lust:
Heil uns ! Heil – ein Orden schmücket
unseres Bürgermeisters Brust.
8. Oktober 1846 (Schwefeläther)
Melodie: Sind wir nicht die Musikanten


Es hat in unseren Tagen (Dem Verdienste seine Kronen!)

Serenissimus hat die hohe Gnade zu haben geruht, die Wehrmänner zu Hirschberg, sechs an der Zahl, welche zu dem in Tonna ausgebrochenen Feuer geeilt und mit der aufopferndsten Bereitwilligkeit Dienste geleistet hatten, öffentlich, vor der Fronte Allerhöchstselbst gnädigst zu beloben und dem ältesten derselben (nachdem er sich durch den Taufschein als solcher ausgewiesen) zum Zeichen Allerhöchstihrer höchsten Zufriedenheit und Anerkennung höchsteigenhändigst die Hand zu reichen.
(Amts- und Regierungsblatt für das Fürstentum Reuß-Lobenstein-Ebersdorf 1845)

Es hat in unseren Tagen
sich Großes zugetragen.
Jetzt höret die Geschichte!
Wahr ist, was ich berichte.
Verdient gemacht hat sich neulich,
das ist gar sehr erfreulich,
die Landwehr bei einem Brande
im großen Reußenlande.
Als das der Fürst vernommen,
sind Allerhöchste gekommen,
und haben dann in Gnaden
die Soldaten vorgeladen.
Sechs Landwehrmänner stehen
in Front, schön anzusehen.
Serenissimus loben jeden
in gnädigst holden Reden.
Dann lassen sie sich höchsteigen
vom ältesten den Taufschein zeigen
und reichen ihm höchstverständigst
die Hand höchsteigenhändigst.
O Nation der Nationen,
wo man noch weiß zu belohnen!
O wär ich doch auch so einer,
ein Greiz-Schleiz-Lobensteiner !
Text: Hoffmann von Fallersleben am 11. November 1845
Melodie: Ich ging einmal spazieren hm hm hm !


Im ganzen Vaterlande (Ein Teufel über den anderen)

Im ganzen Vaterlande,
in jedem Rang und Stande
ist alles Knufferei.
Der Fürst knufft die Minister,
der Studio die Philister,
der Mann knufft seine Frau.
Hali halo hali halu,
wir knuffen immerzu.

Der Vater knufft die Kinder,
der Bauer Pferd´ und Rinder,
den Bauer der Gendarm.
Der Amtmann die Gendarmen,
der Bettelvogt die Armen,
der Arme seinen Hund.
So geht nach alter Weise,
so geht im ewigen Kreise
bei uns die Knufferei.

Wir müssen´ s willig tragen
und pflegen noch zu sagen:
Es muß doch Ordnung sein!
Ist uns einmal hienieden
kein anderes Los beschieden
als ewige Knufferei,
so mag ein Knuffer kommen,
der uns zu Nutz und Frommen,
der uns zur Freiheit knufft.

3. August 1845 (in: Schwefeläther)
Melodie: Im Wald und auf der Heide


Ich bin ein freier Mann (Michels Abendlied)

Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist;
ach ! daß du kalt oder warm wärest !
(Offenbarung Johannis 3, 15.)
Ich bin ein freier Mann,
nie ficht die Furcht mich an.
Für Fortschritt nehm´ ich stets Partei,
ich denke, red´ und handle frei
Chor (ganz leise):
Mit Polizeierlaubnis,
Erlaubnis.
Ich habe Kraft und Mut,
zu opfern Gut und Blut:
Ich gebe Geld, ich sammle Geld
für die Verfolgten aller Welt –
Chor:
Wenn’s nur nicht ist verboten,
verboten
Ich bin beseelt zumal
für das was liberal.
Zu Dankadressen nah und fern
geb’ ich auch meinen Namen gern –
Chor:
wenn’s nur nicht ist gefährlich,
gefährlich.
Ich bin ganz rücksichtslos,
ich werde furios,
ich schimpf´ und fluch´ auf Tyrannei,
Zensur, geheime Polizei –
Chor:
wenn niemand ist zugegen,
zugegen.

6.Juni 1845
(in: Schwefeläther)