Brief an Ferdinand Wolf (4)

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Zu gemeinsamer freundlicher Erinnerung an unseren Wiener Sommer habe ich Ihnen lieber Wolf, und Haupt beiliegendes Schriftchen gewidmet. Möge es auch bei Ihnen seinen heiteren Zweck erreichen und Sie zu einem Studium einladen, das Ihren vielseitigen wissenschaftlichen Bestrebungen nicht fern liegt. Floris und Blancefloer soll später erfolgen. Meine Monatschrift schickte ich Ihnen schon im vorigen Sommer (4. Juli), habe aber nie erfahren, ob sie in Ihre Hände gelangt ist; sie war an die Rohrmannsche Buchhandlung gerichtet und ich bitte dort nachzufragen. Zu meiner deutschen Pliilologie schreibe ich eben die Vorrede, wobei mir Haupt durch Rat und Tat den wesentlichsten Dienst erweiset. Ich mache Sie auf das Buch aufmerksam, weil ich von Ihnen vielerlei dafür erwarte, was sich von Ihnen eben nur erwarten lässt. Schon heute bitte ich um Auskunft über Folgendes: Wann ist Matthias Höfer, Pfarrer zu Kemnaten bei Linz, gestorben? wann Jos.Georg Meinert geboren, Tag und Jahr? und so mochte ich auch Geburts-Ort, Jahr und Tag von Franz Ziska (jetzt Tschischka) wissen. Auch der Geburtstag von Castelli fehlt mir und über Grünsteiner , K.Meisl und Raimund habe ich nichts ermitteln können. Fragen Sie doch Ziska, ob er mir nicht einen besonderen Abdruck (wenn es solchen etwa gibt) von seinem Idiotikon in den Beiträgen zur Landeskunde Oesterreichs unter der Enns verschaffen kann? u. suchen Sie für mich zu erwerben: Maurus Lindemayers Dichtungen in ob der ennsischer Volksmundart. Linz. 1822
Wenn Sie mein Buch erst vor Augen haben, werden Sie sehen, dass ich zu einer neuen Auflage Mancherlei bedarf, was ich nur durch meine Wiener Freunde erhalten kann, und wer könnte mir jetzt noch helfen, seit Endlicher in die Farrenkräuter, Meerschnecken und andere Seeungeheuer hineingeraten ist? Sollte es denn gar nicht möglich sein, eine Abschrift zu erhalten von Cod. Vind. 2841 (früher Historia ecclesiastica 68 ? Ich habe mich deshalb nun schon so oft vergeblich an Endlicher gewendet. Es ist eine Papierhandschrift des 15. Jhrh. 111 Blätter in fol. und enthält die Evangelien in Versen frei bearbeitet und also beginnend: “Got ainig ewig alles gut ”
Freilich möchte ich nicht gern, dass Goldhann nicht (sic!) darüber käme, weil er von meinem Fund der ganzen Welt gleich abschriebe; auch wissen Sie, dass ich Goldhahns Schrift nicht liebe und seine Preise noch weniger. Eben so wäre mir eine Abschrift der niederdeutschen Gedichte in Nr. 2940 (früher Historia profana 739) 5 höchst willkommen. Ich kann Ihnen freilich nicht zumuten, dass Sie sich einer so mühsamen Arbeit unterziehen, aber unter Ihren Augen und Ihrer Anleitung würde ein nur einigermassen gescheiter Abschreiher meinen Wünschen genügen. Die Lambacher Hs. ist wohl noch immer nicht wieder ans Tageslicht gekommen? und wie mag es sich mit Seifrieds Lucidarius verhalten? Ich kenne von letzterem nur eine späte schlechte Abschrift.
Wir besprachen früher ein Wiedersehen in Breslau. Wollen Sie nicht einmal einen Ausflug in´s Riesengebirge und über Breslau nach Berlin und Dresden machen? Was Sie bei uns zu suchen haben, lockt freilich nicht, aber eine Reise nach den beiden letzten Orten lässt sich recht gut mit einem Abstecher nach Breslau verbinden, wohin Sie auf Bett und Tisch und Unterhaltung meine Wenigkeit einladet.
Nur noch wenige Tage und ich eile nach Hause zurück, wo mich neue Arbeiten erwarten. Den Sommer gedenke ich die erste Abteilung’ meines Iter Austriacum herauszugeben. Ich werde genötigt sein, Ihre Güte dabei in Anspruch zu nehmen, worauf ich Sie heute schon vorbereite. Gegen den Herbst zu beabsichtige ich eine Reise nach Holland, Belgien und Paris. Darüber später mehr. Leben Sie recht wohl und bleiben Sie eingedenk Ihres
H. v. F.

Zittau, 19. April 1836