Im Kreise froher kluger Zecher

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Hoffmann reist weiter. An seinem Geburtstag, dem 2. April, ist er in Leipzig. Am 5. April 1842 gaben die Verleger Otto und Georg Wigand , die bis dahin Glasbrenner, Robert Prutz und den zu langer Festungshaft verurteilten Jacoby, veröffentlicht hatten, im Leipziger “Hotel de Pologne” ein Frühstück für den Dichter.. Anwesend war unter anderem Robert Blum. Die Hoffmann wohlgesinnten “Sächsischen Vaterlandsblätter” berichteten und schilderten Hoffmann als einen Mann mit hoher kräftiger Gestalt, die nicht geschaffen sei, um Nacken und Rücken zu beugen. Er habe sich durch kräftige, Freiheit atmende Gesänge im Herzen des Volkes Verehrung und Liebe erworben. Er habe ein treues, deutsches Auge usw. Dann brachte ihm ein Dr. Kaiser ein kräftiges Hoch aus: als dem “geraden, ehrlichen, deutschen Manne, dem rüstigen Vorkämpfer für Deutschlands Freiheit und Rechte…”
Als Hoffmann mit dem französischen Dichter Béranger verglichen wird, heißt es: man “solle den ausländischen Maßstab meiden, um ein Talent zu messen, daß so durchaus eigentümlich und so rein deutsch sei.” Es folgen leichte Sticheleien gegen Frankreich und England. Robert Blum ruft ihm “ein donnerndes Vivat” für sein Gedicht “Das Wort” zu:
Uns blieb nur eine Waffe noch !
Frischauf ! Sie ist uns gut genug;
Mit ihr zertrümmert jedes Joch
und jeden Lug und Trug !
Weiter schildert die Zeitung den Verlauf der Versammlung so:

“Laute Billigung fand der ausgesprochene Wunsch, jeder Mann möge seine Gesinnung und sein Streben offen vor aller Welt zur Schau tragen, ungescheut zur “Fahne der Partei” schwören, die er aus Überzeugung gewählt, die Heuchelei aber und alles Schlechte mit offener Acht befehden. Bei der Erwähnung der drei sogenannten Nationalunternehmungen: des Kölner Dombaues, des Hermannsdenkmals und der Errichtung einer deutschen Flotte, wurde das erstere nur mit lautem Hohne aufgenommen; aber allgemeine Zustimmung erfolgte, als der Redner aufforderte, den “Kölner Dom, der auf verwitterter moralischer und physischer Grundlage erbaut werden solle, der ewig eine tote hohle Steinmasse bleiben werde, ob auch Pfaffen darin hausten, und an den das deutsche Volk kein einziges Band knüpfen könne, links, sehr weit links liegen zu lassen; dem Hermannsdenkmal, an das sich eine schöne Erinnerung knüpfe, eine lebhafte Teilnahme zu schenken, dagegen alle Kräfte auf die Herstellung einer Flotte zu lenken, von der die Farben des freien Vaterlandes jubelnd flattern durch die freie Luft und dahinwehen auf dem freien Meere bis zu dem fernsten Punkte der Erde, wo deutsche Brüder hausen.”

Daraus spricht ein deutliches Mißtrauen gegen den König, der den Kölner Dombau wieder aufgenommen hatte, andererseits klingt der Wunsch nach eine Flotte wie: “Wir wollen auch unsere Kolonien haben!”. Eine typische Mischung für diese Zeit. Hoffmann zitiert diesen Zeitungsbericht ungekürzt Seitenweise in seinen Lebenserinnerungen, und man kann sich des Eindrucks der Selbstinszenierung nicht erwehren.

Doch nur zwei Tage nach der Veranstaltung und nachdem er den Artikel gelesen hat, schreibt er ein satirisches Gedicht, in dem er diesen Abend ein Stück weit verarbeitet: (Man achte auch auf den Titel der unterlegten Volksliedmelodie!: Das Lied von Sandomir (7.April 1842): auf die Melodie: Im Kreise froher kluger Zecher: Ich kenn ein Volk im deutschen Lande / das macht von sich ein groß Geschrei / als ob auf seinem dürren Sande ( nur Tugend, Kunst und Weisheit sei / und nirgend wachs’ und blüh’ als dort / noch freie Schrift und freies Wort….”

Immer noch in Leipzig besucht Hoffmann am 9. April eine Veranstaltung im “Literatenverein”. Er trägt Gedichte vor. “Man war mehr stutzig als erfreut.” Zwei Tage später bekommt der Leipziger Verleger Binder, der Hoffmanns “Hundert Deutsche Lieder” drucken lassen wollte, einen völlig negativen Zensurbescheid. Und am Nachmittag des gleichen Tages erfährt Hoffmann, daß er vom Dienste suspendiert ist.

Er fährt weiter, über Altenburg nach Jena, wo er bis zum 20. April bleibt. Unter anderem trifft er Dahlmann und Prutz, in der Bibliothek geht er alte Liederhandschriften durch. Etwa 30 Studenten bringen ihm ein Ständchen: “Freiheit, die ich meine.” Die meiste Zeit aber verbringt er mit seinem Dichterkollegen O.L.B. Wolff. Am 16. April macht er mit diesen einen Ausflug nach Weimar. Dort in der Bibliothek stellt er fest, daß die “Unpolitischen Lieder” zwar angeschafft wurden, aber nicht ausgeliehen werden dürfen.