Der Laubfrosch und die Maibraut

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Eine der lieblichsten Erinnerungen aus so früher Zeit ist mir das Kinderfest in dem benachbarten Sülfeld. Dorthin zogen am zweiten Pfingsttage die Fallersleber, Alt und Jung, damals noch jedes Jahr. Während die Großen nur an Cafetrinken, Kuchen und Tanz dachten, war zunächst uns Kindern die größte Freude, wenn der Laubfrosch und die Maibraut nach einander ihren Aufzug hielten.

Eine Gesellschaft von zwölf Knaben, jeder mit einem hölzernen Säbel, woran unten bunte Bänder flatterten, kam auf die Scheundiele und bildete einen Kreis; in der Mitte stand der Laubfrosch, so benannt weil er ganz in grüne Zweige eingehüllt war. Sowie der Gesang begann, singen alle an um den Laubfrosch herum zu springen und schlugen mit ihren Säbeln gegen die Wände. Das dauerte bis zu der Stelle: Ein Ei, twei Ei etc., dann machten sie alle wie auch der Laubfrosch bei jeder Zahl einen tiefen Diener.

Bei den Worten: Dat sebente is dat Pingestei, sprangen alle wieder wie vorher. Sie sangen:

Guden Dach, guden Dach!
Geben se user Lôfföschje wat
Se hat lange nist ehat Sau geben
se´r wat Sau hat se wat.
Drei halbe Schock Ei,
kein fûl Ei
Dat fule Ei smît wi vor de Dör
oppen Stein entwei
Ein Ei, twei Ei, drei Ei,
veir Ei fîf Ei, ses Ei
Dat sebente is dat Pingestei
Boben in der Vöste
Hanget de langen Wöste
Gebet üsch de langen
Latet de korten hangen
Bet opt andere Jâr
Dan wilwi de korten nahâln

Einen freundlichen Gegensatz zu diesen wilden Burschen bildete die Maibraut. Zwölf kleine Mädchen, alle hübsch geputzt, freundlichen, bescheidenen Wesens, kamen mit ihrer Königin, die eine Krone von Flittergold und künstlichen Blumen trug, und tanzten wie im Ringelrosenkranze um sie herum und sangen:

Guden Dach, guden Dach!
Gebet user Maibrût wat
Sau hat se wat
Sau lecht jue Heuneken opt Jâr brav wat
Klappe klappe ringelken
Hîr sind de kleinen Kinderkens
Lât se gân, lât se stân
Lât se nich tau lange stân
Dat se könt’n betjen wider gân
Stücke von´n Schinken
Könt se brav op drinken
Stücke von´n Kauken
Könt se brav op raupen
Stücke von´n Luffen
Könnt se brav op buffen
Stücke von´n Kese
Könt se lange na lében

Von dem Hauswirth mit Wurst, Semmel, Kuchen von den Fremden mit Geld beschenkt gingen die Laubfrosch- und Maibrautkinder weiter und hielten dann, jede Gesellschaft für sich, einen Abendschmaus. Dies fröhliche Kinderfest ist heutiges Tages spurlos verschwunden, wie der Anteich, worin sich einst der Sürfelder Kirchthurm spiegelte.

Zu Anfange des Sommers suchten wir Erdbeeren und Brombeeren in den Wäldern. Im Herbste holten wir die von den Hecken abgeschnittenen Dornen zusammen, auch das trockene Kartoffelkraut, Halme und Bohnenranken, und zündeten sie an; je dicker der Rausch emporstieg, desto größer war unsre Freude. Nebenbei waren wir auch noch sehr empfindungsreich und machten ohne weitere Anweisung uns viele von den Dingen, welche Hermann Wagner in seinem ›illustrierten Spielbuch für Knaben‹ abbildet und beschreibt; wir machten Wind- und Wassermühlen, Klappbüchsen, Blasröhre, Sprützbüchsen (“Strenjen”), Schlüsselbüchsen, Flitzbogen, Schleudern, Weidenpfeifen, Petermännchen und Schwärmer.

Als meine Eltern glaubten, daß es Zeit sei, etwas zu lernen, schickten sie mich zur Frau Dreyer in die Schule. Es dauerte einige Wochen ehe ich ohne Sträuben hinging. Ich weinte jedesmal, und selbst die Tute mit Rosinen, die ich mit auf den Weg bekam, konnte mich nicht umstimmen. Ich mußte immer hingeführt werden, allein wäre ich nicht gegangen. Nachdem ich aber mich an die vielen fremden Kinder gewöhnt und das Abc überwunden hatte, war mir die Schule kein Ort der Angst und des Schreckens mehr.

in: Mein Leben , Band 1