Opern und Kirchenlieder

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Das neue Jahr (1852) begann ich mit dem festen Entschlusse, eine neue Ausgabe meiner ” Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit ” zu veranstalten. Bei den vielen Nachträgen, die ich selbst gesammelt hatte oder der Güte meiner Fachgenossen verdankte, hielt ich die Arbeit nicht für so schwierig. Bald aber stellte sich heraus, daß sie es war: eine völlige Umarbeitung schien mir nothwendig, und dazu war viel Zeit und Mühe erforderlich, so wie eine längere Benutzung einer großen Bibliothek. Trotzdem arbeitete ich ruhig weiter und dachte: kommt Zeit, kommt Rath. Am 12. Januar nahm ich theil an der Liedertafel, die mich vor vier Wochen mit ihrer Ehrenmitgliedschaft beehrt hatte. Es wurde ein Chor eingeübt aus Kreutzer´s Falschmünzern, die Solis sang Herr Tappenbeck sehr schön. Ich war recht angenehm angeregt und bekam wieder einmal Lust, eine Oper zu schreiben. Den andern Tag entwarf ich schon den Plan, meine Hoffnung auf guten Erfolg war jedoch nur gering, in meinem Tagebuche bemerkte ich: “An der Ausführung wird die Sache wol scheitern. Hätte ich einen tüchtigen Componisten hier! Sicherer ich hacke Holz; da ist der Erfolg nie zweifelhaft, wenn auch noch so viel Mühe aufgewendet werden muß.”
Am 22. Januar war meine Oper fertig. Weil sie in Deutschland und Amerika spielt, so gab ich ihr den Titel: ” In beiden Welten ” Einige Tage nachher las ich sie vor in einer Abendgesellschaft. Man war recht erfreut darüber, meinte aber, was ich später immer wieder hören mußte, der Text sei für eine Oper zu gut, und warum? weil man sich einen Operntext nicht anders denken kann als unsinnig und gemein.
Während meiner Arbeit am Kirchenliede überzeugte ich mich täglich immer mehr von der Nothwendigkeit einer Reise nach Göttingen, und so entschloß ich mich denn bei dem ersten guten Tage dahin abzureisen. Das Wetter war wochenlang sehr schlecht, fortwährend Wind und Regen. Als nun der erste ruhige heitere Tag kam, trat ich meine Reise an.
Hoffmann von Fallersleben , in: Mein Leben –