Der deutsche Rhein

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Der deutsche Rhein – ! Wie klingt das Wort so mächtig!
Schon sehn wir ihn, den goldig-grünen Strom,
Mit heitern Städten, Burgen stolz und prächtig
Die Lurlei dort und dort den Kölner Dom!

Der freie Rhein – ! Gedächtnis unsrer Siege,
Du mit dem Blut der Edelsten getauft,
Ruhm unsrer Väter, die in heil’gem Kriege
Mit Liedern nicht, mit Schwerten dich erkauft

Ich sah ihn auch – es war ein böses Zeichen,
Novemberwolken hingen drüber hin,
Nicht strömen, nein! mich dünkt, ich sah sie schleichen,
Die goldne Flut, wie eine Bettlerin;

Als klagte sie, daß noch mit Zoll und Banden
Sie ungestraft der Fremdling knechten darf,
Daß noch ein Wort, verfälscht und mißverstanden,
Sie von des Meeres keuschem Busen warf !

Ich sah das Land — die Traube sah ich reifen,
Die rechte Milch, um Männer großzuziehn,
Ließ weit hinaus mein flammend Auge schweifen,
Dem nie ein Traumbild lieblicher erschien:

Ein lautes Echo donnernd fortzutragen
Schien Strom und Tal und Felsen mir bereit;
Doch – gradheraus! man darf das Wort nicht wagen,
Das freie Wort, ihr wißt es! ist gefeit!

Wer hat nun Recht, zu sagen und zu singen
Vom freien Rhein, dem freien deutschen Sohn?
O diese Lieder, die so mutig klingen,
Beim ew’gen Gott, sie dünken mich wie Hohn.

Ja wolltet ihr erwägen und bedenken,
Welch stolzes Wort von eurer Lippe kam,
Ihr müßtet ja das Auge niedersenken,
mit bittern Tränen, voller Zorn und Scham!

Es gilt nicht Dir, der du zuerst gesungen
Das stolze Wort vom freien deutschen Rhein
Das durch die Welt sich adlergleich geschwungen:
Dich schließ im Geist in meinen Arm ich ein!

Aus voller Brust ist dir das Lied gequollen,
Und nicht im Käfig hast du es bewahrt:
Frei fliegt es hin, wohin die Winde wollen –
Du tatest recht! und das ist Sängerart.

Euch gilt mein Ruf, ihr Fürsten und Vasallen,
In deren Händen unser Schicksal liegt! –
Euch Deutschen gilt es, nah und fern, euch allen,
Soweit ein Hauch von deutschem Munde fliegt:

Mit euch zuerst müßt ihr den Kampf beginnen!
Soll unverführt von heiserem Geschrei
Und ungetrübt des Rheines Welle rinnen,
So seid zuerst ihr selber deutsch und frei!

Denn käme nun die Stunde der Gefahren,
Die wir am Himmel dämmernd schon gesehn,
Ich meine wohl, ihr würdet bald gewahren,
Daß es nicht leicht ist, Schlachten zu bestehn.

Nicht jene Burgen werden niedersteigen,
Die Mädchen küssen, aber kämpfen nicht,
Die stummen Fische, glaubt mir, werden schweigen,
Und Ruder brechen, wo ein Reich zerbricht.

’s gibt einen andern, kräftigern Genossen
Als jene Trümmer bröckelndes Gestein:
Wer ihm den Arm, den Busen ihm erschlossen,
Der siegt durch ihn — und auch durch ihn allein!

Ein Feuer ist’s, das unauslöschlich zündet,
Ein Zauberwort, das Mauern niederreißt —
Drum frisch gewagt und euch mit ihm verbündet:
Es ist der deutsche, ist der freie Geist!

Gebt frei das Wort, ihr Herrn auf euren Thronen!
So wird das andre sich von selbst befrein.
Wagt‘s und vertraut! In allen euren Kronen,
Wo gibt’s ein hellres, edleres Gestein?

Die Presse frei! Uns selber macht zum Richter,
das Volk ist reif! – ich wag’s und sag es laut:
Auf eure Weisen baut, auf eure Dichter,
Sie, denen Gott noch Größ‘res auch vertraut ! –

Sei deutsch, mein Volk! verlern den krummen Rücken,
An den du selbst unwürdig dich gewöhnt!
Mit freier Stirn gradaufwärts mußt du blicken,
Vom eignen Mut gesittigt und verschönt.

Es kann den Fürsten selber nicht gefallen,
Dies schmeichlerisch demütige Geschlecht –
Ein offnes Auge! so geziemt es allen,
Zu Boden sieht das Tier nur und der Knecht. –

So wird’s erreicht! Und wenn in künft’gen Tagen
Das stolze Frankreich unsern Rhein begehrt,
Wir werden es mit Lächeln dann ertragen,
Dann ohne Lieder, doch die Hand am Schwert.

Denn dann gelang’s, ihn ewig fest zu flechten:
Die goldne Freiheit soll die Fessel sein!
Dann lohnt e sich, bis in den Tod zu fechten,
Dann, deutsch und frei, dann bleibt er unser Rhein!

Robert Prutz, 1840

Als das Rheinlied von Nikolaus Becker in Deutschland überall gesungen wurde und den Dichtern Kritikern die beste Gelegenheit verschaffte zu erlernen unter welchen Voraussetzungen und durch welche Eigenschaften ein Lied zum Volkslied werden könne schrieb Prutz gleichsam als Repräsentant der neuhegelschen Schule dieses Gedicht um den Deutschen zu zeigen was eigentlich ein Lied enthalten müsste wenn es wert sein solle Volkslied zu werden Das Gedicht ohne Beckers unverständlich wird in der Literaturgeschichte ein ewiges Beispiel von der verhallenden Ohnmacht der berechnenden Tendenzpoesse bleiben Die darin ansgesprochne Gesinnungen und Wünsche sind ohne Zweifel diejenige jedes freisinnigen Deutsche auch die meinigen auch die poetische Fassuug derselben ist werthvoll Der einzige Fehler des Gedichtes ist der daß es das Beckersche verdrängen weil überbieten wollte Seitdem hat Prutz eine Reihe politischer Gedichte geschrieben von denen ihm eins z.B. einen silbernen Pokal eintrug die also wohl nicht ohne Wirkung gewesen sein möge so wenig davon auch im Volke zu spüren war. ( IN Deutschlands Dichter von 1813 – 1843, Karl Gödeke, 1844)