Studentenunruhen – Reise nach Jena

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Dann im Frühjahr 1818 Studentenunruhen! Dies hatte Auswirkungen sogar in Göttingen, das Klima unter den Studenten wird vertraulicher, man hält sich nicht mehr an die alten Formen, doch genau zu diesem Zeitpunkt verlassen die meisten Freunde die Stadt. Sein bester Freund, Henneberg, wechselt nach Jena, der Stadt, von der das Wartburgfest seinen Anfang nahm und in der in diesem Herbst der allgemeine deutsche Burschentag stattfinden soll. Hoffmann beschließt, dieser Stadt ebenfalls einen Besuch abzustatten und tritt zeitgleich mit ihm die Reise an.

Hoffmann reist über Kassel, wo er in der Bibliothek und in Museen, ausgerüstet mit einem Empfehlungsschreiben seines Göttinger Professors, dem Altertumsforscher Friedrich Gottlieb Welcker, nach unentdeckten Schätzen suchen will. Er findet sogar unter den Handschriften einen Brief von Winckelmann, den er der Weimarer Zeitschrift Isis überließ. Zufällig begegnet er dem Bibliothekar und Sprachforscher Jacob Grimm, der zu dieser Zeit an einer “Deutschen Grammatik” arbeitet.

Grimm lädt ihn ein, sie kommen ins Gespräch, Hoffmann ist hoch beeindruckt. Als er Jacob Grimm von seinen Plänen erzählt, Altertumsforscher zu werden, entgegnet ihm dieser: “Aber liegt Ihnen Ihr Vaterland nicht näher ?”

“Diese Worte, so ruhig und milde hingesagt, waren für mich eine Donnerstimme. Vaterland ! wiederholte ich mir oft und nachdenklich den ganzen Tag über….Noch auf der Reise entschied ich mich für die vaterländischen Studien: deutsche Sprache, Literatur- und Kulturgeschichte und bin ihnen bis auf diesen Augenblick treu geblieben.”

Nun war die Germanistik zu dieser Zeit eigentlich als Wissenschaft noch gar nicht anerkannt, was würden sein Eltern sagen ? Aber offensichtlich hätte er sich diese Wahl von Ihnen nicht auch nicht mehr verbieten lassen. Er hatte seine Berufung gefunden, und daß Hoffmann sich zu etwas ganz Großem berufen fühlte, sieht man schon an seinen Plänen, ein “zweiter Winckelmann” zu werden. Aber hier , auf dem Gebiet der gerade erst beginnenden Germanistik , kann er ein Original werden, nicht ein zweiter Wer – auch – immer. Und gleichzeitig kann er als Wissenschaftler politisches etwas bewegen, für die Einigung Deutschlands, seines “Vaterlandes”. Hierfür ist die Schaffung und das Bewußtsein einer eigenen Kultur unabdingbar.

3.11.1818, an Jacob Grimm in Kassel

“Der neueste Stand der holländischen Literatur, zumal der schönen, ist sehr niedrig. Die Hinneigung der Niederländer an das Franzosentum kann nur verderblichen Einfluß haben auf die holländische Poesie, die sich kaum…ihren fremden Fesseln entschwungen hatte. Vielleicht sehen wir in einem Jahrzehnt, daß alle geistige Originalität des Holländers verschwunden ist…(Briefe, S. 23)”

Diese Erkenntnis spricht aus allen seinen Gedichten, die er nun schreibt, deswegen wettert er gegen Philologen und klassische Bildung, gegen ausländischen Adel und unverständliche Gesetzestexte. Anders als bei den Turnern, die vom Äußeren und den gesellschaftlichen Vorstellungen eher die alten Germanen nacheiferten orientierte sich Hoffmann auch an den Ideen der Aufklärung, schließlich hatte er ja Rousseau gelesen.

Über Weimar (mit keinem Wort erwähnt er Goethe) geht die Reise nach Jena , der Wiege der deutschen Burschenschaften, wo gerade der allgemeine deutsche Burschentag stattfindet. Hier waren die Verhältnisse völlig anders als noch in Göttingen. Man ist per Du, es herrscht ein etwas rauher, aber herzlicher Umgangston, liberale und nationale Gedanken werden frei geäußert. Hoffmann, der kein Geld hat, stellt sich einfach auf den Marktplatz und wartet, bis ihm jemand zu sich einlädt.

So wechselt er dann von einem Gastgeber zum anderen, vier Wochen bleibt er in der Stadt und besucht die öffentlichen Sitzungen des Burschentages:

“Für die Idee der Burschenschaft war auch ich beseelt, vielleicht mehr als mancher Burschenschafter. Doch mißfiel es mir von Anfang an, daß so manche gar zu großen Wert auf das Äußere legten, alles in Gesetze und Formen pressen wollte und darüber das wahre Wesen vergaßen. Die unbedeutendsten Jünglinge, wenn sie altdeutsches Haar und Bart und altdeutsche Tracht trugen, hielten sich oft für mehr und besser als die übrigen, die oft nicht viel Geld hatten, sich einen Samtrock und ein Barrett mit Reiherfedern anzuschaffen…Hätten diese altdeutschen Jünglinge nicht die einzigen echten Deutschen und was besseres sein wollen, als das ganze übrige Volk, sie würden nicht so mancherlei Gegener hervorgerufen, sondern der guten Sachen Freunde und Förderer gewonnen haben.”

Als dann am 18. Oktober, dem Jahrestag des Wartburgfestes, die Turner ihre Kunststücke machten, kommentierte Hoffmann: “Als ich viele Studenten in ihrer grünen Turnertracht ihre Kunststücke machen sah mit einem Ernste, als ob das Heil der Welt am Barren und Reck hinge, da mußte ich lächeln.”

Hoffmann begegnet in Jena dem Naturforscher Oken, und übergibt ihm selbst verfasste Distichen, das sind kurze , zum Teil politische Epigramme, die dieser in der von ihm herausgegeben Zeitschrift Isis veröffentlicht. Über 100 dieser kurzen Gedichte werden es in den Jahren 1818 / 19 und alle veröffentlicht unter Pseudonym, denn:

“Stoff gab es genug, auch in der Studenten- und Professorenwelt, die Philisterei und das Zopftum grünten und blühten schon wieder in unserem Staats- und geselligen Leben, viele Köpfe und Hände waren beschäftigt, die alte gute Zeit wieder auf die Beine zu bringen und jedes Mißfallen darüber, jeden Widerstand dagegen als staatsgefährlich hinaus zu posaunen” Hoffmann bekommt ein Honorar von zwei Louisdor.