Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

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Im Jahre 1815, als mit dem Wiener Kongreß die alte Mächtekonstellation wiederhergestellt wurde und Österreich, Rußland und Preußen die »Heilige Allianz« schlossen, wechselte Hoffmann zum Gymnasium Katharineum nach Braunschweig, und ein Jahr darauf ging er nach Göttingen, um Theologie und klassische Philologie zu studieren. Während er jedoch dem Studium der Theologie wenig abgewinnen konnte, begeisterte er sich mehr und mehr für die Sprachlehre, für das Altertum und für antike Kunstwerke.

Er lernte Griechisch und Latein, verehrte den Begründer der Archäologie Winckelmann und verbrachte unzählige Tage in der Bibliothek, um in alten Büchern zu stöbern und ganz in die Vergangenheit einzutauchen. Erst im Jahre 1818, als ihn seine erste große Wanderung über Kassel führte und er dort Jacob Grimm, dem damaligen Bibliothekar des Kurfürsten, vorgestellt wurde, kam es zu einer Entscheidung, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. Als der junge Studiosus dem großen Sprachforscher von seiner Begeisterung für das Altertum, von seiner Beschäftigung mit vergangener Kunst und Sprache erzählte, fragte dieser ihn überraschend: »Liegt Ihnen Ihr Vaterland nicht näher?«

Die Beantwortung dieser Frage war für Hoffmann der Anstoß, seine Studienrichtung zu ändern und sich fortan der deutschen Sprache und Dichtung zuzuwenden. Nun begann er, sich der Literatur, der Kultur, den nationalen Eigenarten seines Volkes zu widmen. Von einer Germanistik als Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur, wie wir sie heute kennen, konnte damals noch lange nicht gesprochen werden. Man las und verehrte Goethe und Schiller, und an den Universitäten wurde das klassische Bildungsgut vermittelt. Erst nach und nach entwickelte man eine Art kulturelles Nationalgefühl.

Als geistigen Vater dieser Bewegung kann man Herder betrachten, der mit seinen »Stimmen der Völker in Liedern« (1778/9 und 1807) und auch in den theoretischen Schriften immer wieder betonte, daß die Kunst stets auch für ein bestimmtes Volk charakteristisch sei, daß Literatur und Dichtung immer auch Spiegel der Seele einer Nation seien.
Die Romantiker griffen diese Gedanken als erste auf. Clemens Brentano und Achim von Arnim gaben »Des Knaben Wunderhorn«, eine Sammlung deutscher Volkslieder, heraus, Jacob und Wilhelm Grimms »Kinder- und Hausmärchen« erschienen, und Eichendorff knüpfte unter anderem mit seinem »Taugenichts« an volkstümliche Formen an. Aber auch im wissenschaftlichen Bereich wurde durch die Arbeiten der Gebrüder Grimm, so zum Beispiel durch die Veröffentlichung der »Deutschen Grammatik« oder des »Deutschen Wörterbuches«, diese Tendenz, einen Nationalcharakter zu etablieren, fortgesetzt.

Die politische Situation war jedoch nicht so, daß man dies ausschließlich als Errungenschaft würdigen wollte. Vielmehr gab es Gelehrte und Politiker, die solche »Rinnsteinphilologie« (der Begriff »Rinnsteinkunst« sollte leider ein Jahrhundert später in ähnlich diffamierender Weise auftauchen) mit sehr mißtrauischem Blick verfolgten. Sie betrachteten diese Arbeiten als patriotische Pamphlete gegen die Fürsten des zersplitterten Landes. Tatsächlich war durch den Wiener Kongreß zwar ein Friede nach außen gesichert worden, aber im Inneren gärte es. Das aufstrebende Bürgertum, vor allem aber Studenten formulierten immer lauter ihre Forderungen nach einem vereinten Nationalstaat.