Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

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Als Gesamtvertretung der Studenten von 14 deutschen Universitäten wurde am 18. Oktober 1818 die »Allgemeine Deutsche Burschenschaft« gegründet. Der Zusammenschluß der Studenten sollte als Vorbild für die Einigung der deutschen Nation gelten. Sie verstanden sich als intellektuelle Opposition gegen die politische Lage und kämpften in erster Linie für die staatliche, wirtschaftliche und kirchliche Einheit Deutschlands. Die Denkschrift »Die Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers« formulierte ihr Programm. Bald aber sollten Taten folgen, die zwar demonstrativ und revolutionär waren, die jedoch als Ergebnis zunächst eher das Gegenteil bewirkten.

Am 23. März 1819 ermordete der Theologiestudent Karl Ludwig Sand den konservativen Dramatiker August Friedrich von Kotzebue. Dieser stand im Verruf, ein Spitzel des russischen Zaren zu sein und sich wiederholt in seinem »Literarischen Wochenblatt« über die Ideen der Burschenschaftler lustig gemacht zu haben. Für die Obrigkeit war dieser Mord Anlaß, endlich rigorose Maßnahmen gegen alle liberalen Köpfe zu ergreifen. Mit den Karlsbader Beschlüssen wurden acht Monate später die bis dahin schärfsten Gesetze gegen »demagogische Umtriebe« verabschiedet. Für die kommenden Jahrzehnte sollten die Universitäten, die Verlage und Schriftsteller und somit das Lesepublikum von der allgegenwärtigen Zensur kontrolliert und zum Teil hart sanktioniert werden.

Auch die ersten Veröffentlichungen des jungen Hoffmann von Fallersleben erschienen wohlweislich anonym in der Zeitschrift »Isis«. Von stilistisch vielleicht minderer Qualität, deuten sich in ihnen schon hier und da seine satirischen Hiebe gegen das Philistertum und gegen die Zustände in Deutschland an – Ironie und Kritik, wie wir sie später in den höchst politischen »Unpolitischen Liedern« in viel reiferer Qualität finden werden. Zunächst jedoch wechselte er zur Universität nach Bonn. Gleichzeitig begannen seine »literarischen Reisen«, die ihn quer durch Deutschland und Westeuropa führen sollten und zeit seines Lebens quasi ein Bestandteil seiner philologischen Forschungen sein würden.

Auf ausgedehnten Streifzügen traf er mit Hegel, Savigny, Achim und Bettina von Arnim, Eichendorff, Chamisso, Annette von Droste-Hülshoff zusammen, er begegnete Liberalen wie Karl Theodor Welcker, Karl Gutzkow oder Fritz Reuter und vielen weiteren politischen und geistigen Größen jener Zeit. Aber nicht nur diese bedeutenden Persönlichkeiten waren für den Studenten reizvoll. Mindestens ebenso wertvoll waren ihm die Begegnungen mit dem »einfachen Manne«, denn auf diese Weise konnte er die Mundart, die Lieder und Texte der jeweiligerr Region sozusagen direkt an der Quelle erforschen. Zahlreiche Reisen führten ihn durch seine Heimat, aber auch nach Belgien, nach Schlesien und besonders oft in die Niederlande.

Hoffmann sah seine Aufgabe als Philologe nicht nur darin, die Sprachentwicklung, also das Gotische, das Alt-, Mittel-, und Neuhochdeutsche in allen Mundarten nachzuzeichnen, sondern er erkundete ebenso die Literatur und die Kulturgeschichte sowie das Volkstümliche, die Sagen, Lieder und Märchen. Insbesondere widmete er sich der Sammlung und Erforschung des Volksliedes. Seine Bemühungen um Sprache, Volksüberlieferungen und Literatur sind durchaus von wissenschaftlicher Bedeutung, und viele seiner nicht-politischen Gedichte sowie seine Kinderlieder haben sich, wie gesagt, einen festen Platz im Volksmunde gesichert. Denkt man heute jedoch an Hoffmann von Fallersleben, so fällt einem als erstes das Deutschlandlied ein. Wie kam jener volkstümliche Dichter und Forscher dazu, auf Helgoland das Lied zu schaffen, das in unserer Vergangenheit so oft chauvinistisch »mißbraucht« wurde?