Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

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Nachdem Hoffmann für seine wissenschaftlichen Arbeiten eine große Zahl von Auszeichnungen erhalten hatte und zum Ordentlichen Professor für Sprache und Literatur ernannt worden war, nachdem er in der Bibliothek von Valenciennes das als verschollen geglaubte »Ludwigslied« wiederentdeckt und publiziert hatte, widmete er sich neben seinen Reisen und der Arbeit als Bibliothekar in Breslau immer mehr der Veröffentlichung seiner politischen Gedichte. In Deutschland wurde damals die soziale und politische Situation immer prekärer: Bornierte Zensoren strichen in jedem Text herum und »entschärften« jede Theateraufführung, eine Kommission zur Untersuchung von »revolutionären Umtrieben und demagogischen Verbindungen« wurde eingesetzt, und an den Universitäten fanden regelrechte Säuberungsaktionen statt.

Es wurden Verfahren gegen liberale Intellektuelle wie zum Beispiel gegen den Philosophen und Theologen Friedrich Schleiermacher eingeleitet, die Schriftsteller des Jungen Deutschland erhielten Publikationsverbot, und Georg Büchner wurde sogar steckbrieflich »wegen Teilnahme an hochverräterischen Handlungen« gesucht. Auch Jacob und Wilhelm Grimm erhielten Berufsverbot – sie hatten gegen den Versuch, die Verfassung aufzuheben, protestiert. Der »Deutsche Bund« mit seinen 34 Erbmonarchien und seinen vier Stadtrepubliken unterdrückte gewaltsam jede Form der politischen Emanzipation. Aber es ging längst nicht mehr nur um politische Freiheit und um die Einheit Deutschlands. Mit der stürmisch voranschreitenden Industriellen Revolution wuchs auch die Not des nun entstehenden Stadt- und Landproletariats; die soziale Frage trat in den Vordergrund.

Hoffmann von Fallersleben konnte angesichts dieser Mißstände nicht mehr schweigen und stellte für sich fest: Je größer meine Teilnahme wurde an der Kenntnis der deutschen Zustände der Vergangenheit und Gegenwart, umso größer ward mein Drang, mich poetisch darüber auszusprechen. Als ich einmal in die richtige Stimmung darüber hinein geraten war und den Ton gefunden hatte, der mir wirkungsvoll schien, da kamen die Lieder wie gerufen.
Er verfügte wohl nicht über den scharfen, treffsicheren Geist seines ehemaligen Bonner Kommilitonen Heinrich Heine, auch mag man die emphatische Glut wie in den Schriften Herweghs vermissen oder nach der üppigen Phantasie eines Freiligrath suchen.

Aber auch ihn quälte der Gedanke, daß sich das deutsche Volk wie gelähmt seinem Schicksal ergab. Ähnlich wie in Büchners »Hessischem Landboten« wollte er nicht nur die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Obrigkeit geißeln, sondern er klagte das Volk an, das sich gedankenlos und gefügig seinen Fürsten unterwarf, statt für seine Rechte zu kämpfen: Nicht Mord, nicht Bann, nicht Kerker Und Standrecht obendrein – Es muß noch kommen stärker, Wenn’s soll von Wirkung sein. Ihr müßt zu Bettlern werden, müßt verhungern allesamt, Dann, dann vielleicht erwacht noch In Euch ein neuer Geist, Der Geist, der über Nacht noch Euch hin zur Freiheit reißt.

1840 und 1841 erschienen im Verlag Hoffmann und Campe seine »Unpolitischen Lieder« in zwei Bänden. Die für damalige Verhältnisse sehr große Auflage von 12.000 Exemplaren fand reißenden Absatz. Und natürlich kam es, wie es kommen mußte: Wurden diese respektlosen Verse wegen ihrer »Verderblichen Richtung« zunächst in Breslau konfisziert, so unterband man bald in ganz Preußen den Vertrieb dieser Schriften und verfügte sogar ein Publikationsverbot für den Verlag. Einige Monate später verlor Hoffmann seine Professur an der Universität Breslau. Seine politischen Lieder und Gedichte richten sich gegen die politische und soziale Wirklichkeit.
Dabei sind sie schlicht in der Sprache und schließen oft mit witzigen Pointen.

Ihre große Wirkung beruht allerdings auf schlagkräftigen Refrains, dem vertrauten unstilisierten Volkston und natürlich auf der Singbarkeit. Dies ist, wie man weiß, auch das Charakteristikum der populären Kinderlieder. Der Kontrast zwischen den zum Teil ernsten Melodien – Hoffmann griff geschickt auf bekannte Volksmelodien und Bänkelsang zurück – und den witzig-satirischen Texten war das Besondere und damit für die Obrigkeit das »Gefährliche« an Hoffmann von Fallersleben. Im August 1841 weilte der Germanist auf Helgoland, das noch bis 1890 zu Großbritannien gehörten sollte. Hier, fernab von Spitzeln und Geheimpolizei, schrieb er das »Lied der Deutschen«.