Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

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Sein Verleger Julius Campe veröffentlichte es mit der Melodie der Kaiserhymne Joseph Haydens »Gott erhalte Franz, den Kaiser«. Der Aufruf des Dichters, brüderlich zusammenzuhalten, sein Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit, sein Erinnern an gemeinsame deutsche Werte und Ideale sind nicht nur ein Loblied auf die Heimat, sondern gleichzeitig Kritik und Protest, denn die Realität im zersplitterten und unterdrückten Deutschland sah ganz anders aus. Sein Aufruf, gemeinsam, mit »Herz und Hand« für einen geeinten Nationalstaat mit Bürgern, die ihre Rechte wahrnehmen, zu kämpfen, zieht sich durch die Verse dieses Deutschlandliedes. Der von Hoffmann von Fallersleben geschaffene Text ist aus dem Bewußtsein der Deutschen nicht mehr zu verdrängen, seit der Reichspräsident Friedrich Ebert 1922 das »Lied der Deutschen« zur offiziellen Nationalhymne der ersten deutschen Republik erklärt hat.

Leider wurde, wie die Geschichte zeigen sollte, der Text des liberalen Patrioten stets für extremere politische Zwecke uminterpretiert. In den chauvinistischen Begründungen der deutschen kulturellen, politischen und rassischen Überlegenheit gegenüber dem slawischen Osten und dem romanischen Westen wurde der Text unrühmlich mißinterpretiert, um den territorialen Machtanspruch Hitlers durch die Worte »Von der Maas bis an die Memel« zu rechtfertigen. Fast mag es wundern, daß trotz dieser problematischen Rezeptionsgeschichte das Lied nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1952 wieder zur Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland wurde – es überlebte bekanntlich mit dem Kompromiß, bei offiziellen Anlässen nur die dritte Strophe zu singen.

Doch nun zurück zum Dichter Hoffmann von Fallersleben. 1842 wurde er ohne Pension seines Amtes enthoben und des Landes verwiesen, er verließ Breslau und führte für viele Jahre ein unruhiges Wanderleben. Seine Reisen gingen unter anderem nach Heidelberg und Weimar, nach Böhmen, Mähren, Schlesien und immer wieder in die Niederlande, dorthin, wo man ihn wegen seiner Erforschung der alten niederländischen Sprache und Dichtung überaus verehrte.

Kurz nach den revolutionären Unruhen im Jahre 1849 heiratete er mit 51 Jahren seine 18jährige Nichte Ida Zum Berge. In vielen Liedern und Liebesgedichten brachte Hoffmann sein Glück zum Ausdruck. Er jubelte: O glücklich, wer ein Herz gefunden, Das nur in Liebe denkt und sinnt Und mit der Liebe treu verbunden Sein schönres Leben erst beginnt! Das jungvermählte Paar setzte das unstete Leben fort. Sie siedelten nach Bingerbrück und ein Jahr später nach Neuwied über, dann im Jahre 1854 nach Weimar, wo Hoffmann zusammen mit Oskar Schade das Weimarische »Jahrbuch für deutsche Sprache, Literatur und Kunst« herausgab. Sein Sohn Franz wurde geboren. Aber erst im Jahre 1860 kehrte Ruhe in das Leben des Dichters ein, als er eine Anstellung als Bibliothekar beim Herzog von Ratibor in Corvey annahm. Hier, in der Nähe von Höxter übernahm er die Aufgabe, die Bibliothek, die aus circa 70.000 Bänden bestand und heute als eine der größten und ältesten Privatbibliotheken Deutschlands gilt, zu ordnen und zu katalogisieren.

Mit diesem Amt hatte er nicht nur ein gesichertes Einkommen für sich und seine Familie, sondern auch eine Wohnung im Schloß und völlig freie Hand bei seiner Arbeit. Hoffmann genoß diese für ihn ungewohnte Idylle und hatte neben seinen Pflichten noch ausreichend Zeit, eigene Werke zu verfassen.

So erschien eine Sammlung von Kinderliedern unter dem Titel. »Die Vier Jahreszeiten«, er überarbeitete seine »Deutschen Gesellschaftslieder des 16. und 17. Jahrhunderts« und veröffentlichte eine Biographie des katholischen Kirchenliedes. Diese Ruhe und Zufriedenheit sollte jedoch nicht lange währen. Bereits ein halbes Jahr später, im Oktober 1860, starb seine geliebte Frau Ida nach der Geburt eines toten Kindes. Während zwei Schwägerinnen sich um seinen Sohn und um den Haushalt kümmerten, vergrub sich der verzweifelte Dichter in seine Arbeit. In Corvey entstand seine sechsbändige Autobiographie – ein Werk voller Erinnerungen und voller Details seines unruhigen Lebens.