Viel mehr als nur das Lied der Deutschen

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Als im Jahre 1868 »Mein Leben« erschien, war Hoffmann bereits müde geworden. Der große, breitschultrige Greis wurde von Rheuma geplagt und zog sich immer mehr in die ruhige Behaglichkeit der alten Abtei zurück. Er dichtete jedoch bis zu seinem Lebensende. So schrieb er für einen verstorbenen Freund die Zeilen: Was uns von Jugend an verband, der höchste Wunsch hienieden: ein einig freies Vaterland, ward endlich uns beschieden. Hoffmann von Fallersleben hatte die Gründung des Deutschen Reiches und die Kaiserproklamation im Jahre 1871 noch miterlebt. Sein größter politischer Wunsch, ein vereintes, freies Deutschland, war in Erfüllung gegangen, auch wenn sich bald zeigen sollte, daß Freiheit und Recht im Reiche Kaiser Wilhelms I. nur relative Begriffe waren. Aber dies sollte Hoffmann von Fallersleben nicht mehr mit allen Konsequenzen erfahren. Nach zwei Schlaganfällen starb der Gelehrte und Dichter am 19. Januar 1874 in Corvey.

An der Seite seiner Frau Ida wurde er auf dem Klosterfriedhof neben der Stiftskirche zu Corvey beigesetzt. Begibt man sich heute bei einem Ausflug oder anläßlich einer Tagung zu dieser gepflegten Anlage unweit der Weser, so scheint sich dort, abgesehen von einem Kiosk, einem Restaurant und dem Parkplatz nichts verändert zu haben. Die ehemalige Benediktinerabtei, einst Ausgangspunkt der Missionierung des deutschen und skandinavischen Nordens, war nach dem 30jährigen Krieg duch einen großzügigen Gebäudekomplex ersetzt worden. Nachdem das Kloster 1803 säkularisiert worden war, wandelte Landgraf Viktor Amadeus von Hessen Rothenburg es in ein Schloß um. Die 90 Meter lange, zum Park hin gelegene Nordfront der barocken Anlage steht in schönem Gegensatz zur Klosterkirche, deren sogenanntes Westwerk das älteste noch erhaltene Baudenkmal des frühen Mittelalters in Westfalen ist. Unverändert ist auch die berühmte, wertvolle Bibliothek im Nordflügel des Schlosses – der Ort, an dem Hoffmann von Fallersleben in den letzten 14 Jahren seines Lebens wohl die meiste Zeit verbracht hat.

Aus: Dorothea Potthoff: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser.
Spaziergänge zu Grabstätten im Rheinland und in Westfalen; Neues Literaturkontor 1998