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Den Tag nach meinem Geburtstage trat ich meine Reise nach Berlin an und traf am 5. April dort ein. Ich wunderte mich nicht wenig, daß Berlin, welches sonst durch sein buntes wühliges Leben und Treiben an eine Weltstadt erinnerte, so still und ruhig war, daß sich nirgend Soldaten, nirgend Polizisten und Gendarmen blicken ließen. Ich war bei Erk eingekehrt. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt. Ich glaubte noch Spuren von dem Straßenkampfe zu finden, es war aber wenig mehr zu sehen, hie und da Kugellöcher in den Wänden der Häuser. Der auch in den Zeitungen besprochene Brunnenpfeiler auf der Breiten Straße stand noch. Oben hatte eine Kanonenkugel eingeschlagen und unter der Oeffnung war aufgeklebt die Ansprache des Königs ›An meine lieben Berliner.‹ Ich blieb vier Tage, die mir aber in dem weitläufigen zeitraubenden Berlin wie Ein Tag vergingen. Ich besuchte Nauwerck und die Redacteure der Nationalzeitung Rutenberg und Zabel, und mit Erk Frau Bettina, die uns die lange Verfolgungsgeschichte ihres letzten Buches erzählte. Nachdem ich mit Erk die Herausgabe des Volksgesangbuchs gehörig besprochen und dann beschlossen hatte, reiste ich den 9. April ab und kam den 13. in Breslau an.
Breslau - 13. April 1848
Abends ging ich in den Löwenkeller. Wie war ich überrascht, als ich unter diese Kellergäste gerieth! Ich dachte wirklich einen Augenblick, ich wäre in einen Revolutionsconvent gerathen. Junge und alte Leute von verschiedenen Lebensberufen, Bürgerwehrmänner mit Schlepp- und anderen Säbeln sprachen lärmend und laut ihre politischen Ansichten aus, keiner ließ den anderen recht zu Worte kommen. War das ein Lärm, ein Getöse! Ich kannte meine ›guttmittigen‹ Breslauer nicht wieder.
Am 15. April kam ich beim Staatsministerium ein um Wiedereinsetzung in meine Professur, in Folge des königlichen Amnestieerlasses vom 20. März, worin es ausdrücklich heißt: ›– und weil Ich die neu anbrechende große Zukunft Unseres Vaterlandes nicht durch schmerzliche Rückblicke getrübt wissen will, verkünde Ich hiermit: Vergebung allen denen, die wegen politischer oder durch die Presse verübter Vergehen und Verbrechen angeklagt oder verurtheilt worden sind.‹ – Den Tag über hielt ich mich sehr zurückgezogen, den Abend besuchte ich mit Resch den Annakeller. Viele in der Gesellschaft, die sich plötzlich zu tapferen Fortschrittsmännern hinauf geschwindelt hatten, blickten auf mich in ihrem stolzen Selbstbewußtsein mitleidig herab.
In diesen Tagen sah man in Breslau an mehreren Straßenecken einen großen gelben Bogen angeklebt: " Der Minister in der Hölle " illustriert. Ich war nicht wenig überrascht: das Gedicht war von mir, ich hatte aber an dieser Art von Veröffentlichung und noch dazu in jetziger Zeit nicht den mindesten Antheil. In Berlin hingegen glaubte man, das Gedicht sei jetzt erst von mir verfaßt und das Bild dazu von mir veranlaßt. Man konnte sich nicht denken, daß in einer Zeit, wo Wort und Bild erst wieder frei geworden waren, selbst die harmlosesten Menschen einen Kitzel verspürten, auch einmal etwas auszuführen was früher sehr strafbar gewesen wäre. Das Gedicht ist allerdings von mir in Breslau verfaßt, aber schon im Jahre 1842, und steht zuerst gedruckt in den ›Deutschen Liedern aus der Schweiz‹ 1842. S. 146, fällt also unter die Amnestie vom 20. März 1848.
Aus sicherer Quelle habe ich später erfahren, daß gerade dieser Eckenanschlag ein Hauptgrund gewesen ist, mich nicht wieder anzustellen. Einem Minister in Amt und Würden sollte es doch gleichgültig sein, ob sein früherer College in der Hölle oder sonstwo ist.
Abends besuchte ich den ›demokratischen Club.‹ Wie sehr Mancher von der Macht und dem Einflusse der Demokraten überzeugt war, das konnte ich aus manchen Aeußerungen abnehmen. So bemerkte mir einer, als ich sagte, ich hätte mich an das Staatsministerium wegen Wiederanstellung gewendet: ›Was? an das Ministerium? wozu? Besteigen Sie morgen das Katheder, lesen Sie, das ist eine vollendete Thatsache, und – Sie sind wieder Professor in Amt und Würden!‹
Denselben Abend wurden noch mehrere Katzenmusiken gebracht. Den folgenden Abend begnügte sich das Volk nicht mehr mit diesen zeitgemäßen Kunstleistungen, es tobte lärmend auf den Straßen umher und fing in seinem Uebermuth an, mehrere Bäckerläden zu stürmen und zu plündern. Erst um 12 Uhr ward es ruhig und um 1 wurden erst Soldaten sichtbar. Das was ich bis jetzt gehört und gesehen, war durchaus nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken auf die Fähigkeit derjenigen, welche sich an die Spitze der Volksbewegung gedrängt hatten. Verstimmt über die schon jetzt von mancherlei Seiten gefährdete politische Entwickelung verließ ich Breslau. |