Der Verfasser von Deutschland Deutschland über alles Hoffmann von Fallersleben

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1872 bis 1874

Die letzten Jahre

Biographie 1860 bis 1874 - Bibliothekar in Corvey

16.2.1872, Schloß Corvey, an Theodor Ebeling in Hamburg

Es ist ein wahrer Jammer, wie es mit unserem höheren Schulwesen beschaffen ist. Möchten doch alle Väter einsehen, daß ihre Kinder in unseren jetzigen Gymnasien zu Krüppeln an Leid und Geist verbildet werden. Seit Jahren habe ich in jeder Familie, wo ich verkehrte, nur Klagen gehört, daß die Kinder durch die vielen Schulstunden und Schularbeiten, bei denen sie oft bis in die Nacht sitzen müßten, durch das ewige Griechisch und Latein, das Auswendiglernen von Vokabeln und grammatischen Regeln und Ausnahmen gar nicht mehr zum Denken gelangten und, statt sich frisch und froh geistig und leiblich zu entwickeln, zurückblieben und fast versimpelten. Wäre ich nur 20 Jahre jünger, ich wollte einen Verein stiften zur Ausrottung des Latein und Griechisch, beides sollte aus dem Staatsleben wenigstens verbannt werden und nur den Gelehrten und katholischen Pfaffen überlassen bleiben.

Geschrien habe ich freilich genug mein ganzes Leben lang, aber was hilft's ? Selbst die vorurteilsfreieren Leute bekleben sich lieber mit dem Pflaster der klassischen Bildung, als daß sie es wagen möchten, mit einem freien, reinen Gesichte sich eine Bildung anzueignen, die den Anforderungen und Bedürfnissen der gegenwart genügt.

Ja, und ich schreie immerzu. In der großen Dichterversammlung 1869 zu Bielefeld, wo so vieles zur Sprache kam, warf ich ein Lied wie einen Schwärmer mit hinein, aber es ging wie so einer spurlos dahin, und doch hätte man wohl daran anknüpfen sollen ! Strophe 3 lautet:

Wach' auf, wach auf, mein Volk ! Sei frisch und jung !
Der Menschheit Ziel das dein' auch sei !
Zerreiß den Bann der Überlieferung
und zeig, daß du geworden frei !

Der Krieg für das innere Düppel ist erklärt. Ob die Regierung ihn weiter fortsetzt, ist uns einerlei, wenn sie uns nur nicht hindert, mit allen gesetzlichen Mitteln zu kämpfen. Wir würden heute keinen Kampf mit den schwarzen Halunken haben, wenn die Regierung seit 50 Jahren bis jetzt die Presse und die freieren religiösen Bestrebungen hätte gewähren lassen, wir würden nebenbei mit den Junkern auch schon mehr fertig geworden sein. Ich wollte mein Gedicht an das innere Düppel neulich loslassen. Da ich aber nicht weiß, wie der Hase läuft, so nahm ich Abstand und habe es bis jetzt zurück behalten. Der Anfang lautet:

Wann geht es an das innere Düppel ?
Ist alles nur ein Faschingsscherz ?
Sind wir nur Wichte, Zwerg' und Krüppel,
und ohne Zunge, Geist und Herz ?

Ich gehöre nicht zu den Vertrauensseligen, aber ich freue mich doch, daß man frei atmen kann ohne hohe polizeiliche Erlaubnis.(...) Es hat doch etwas Erquickendes, wenn das reine Quellwasser von allen Seiten herbeiströmt und die Sumpfjauche wegspült und die Luft reinigt ! (Briefe, S. 336)

28.2.1872, Schloß Corvey, an Leo Weyer in Dorpat

Dies Land (Hannover) hat keinen Reiz für mich, die Land der berechtigten Eigentümlichkeiten, wo jeder ein Bauer ein Junker und jeder Junker ein Esel ist; wo die sogenannten Gebildeten sich dadurch auszuzeichen glauben, daß sie vornehm, kalt, steif, zugeknöpft und unliebenswürdig sind; wo die Liberalen nur Spießbürger sind und partikularistische Doktrinäre; wo die Presse liberal tut und ihren Lesern nur so viel Liberalismus gibt, als sie vertragen können; (...) Ich habe genug am Hannoverschen Courier. Doch ich will Ihren Heimatgefühlen durchaus nicht zu nahe treten, ich wünschte nur, daß dieselben schöner und herrlich aufgehen in dem Einen Gefühle, das jeden Deutschen ganz beseelen muß: Deutschland über alles ! (Briefe, S. 339)

26.2.1872, Schloß Corvey, an Frau Hertha Fischer in Hamburg

Es ist ein Jammer, daß vorläufig nicht die mindeste Aussicht vorhanden ist, daß unsere Gymnasien eine den Zeitverhältnissen entsprechende Umgestaltung erfahren. Wenn ein Junge, aus diesen Drillhäusern, welche höhere Bildungsanstalten heißen sollen, mit gesundem Leib und Geist herauskommt, so kann er von Glück sagen und Gott nicht genug danken. Nun frage ich sie, wo steckt die hohe Bildung bei den studierten Leuten ? Sie haben oft nicht einmal gelernt, richtig deutsch zu sprechen und zu schreiben und sind fast alle nicht imstande, ein Gedicht leidlich vorzutragen. (Briefe, S.337)

10.9.1872, Schloß Corvey, an Emil Rittershaus in Barmen

Ich hoffe, daß Sie nun auch bald ihre Stimme erheben. Es ist leider nur ein Jammer, daß unsere Presse Eigentum von Kaufleuten und Gründern ist, die nur ihrem Interesse Rechnung tragen. Die Angst, einige ultramontane Abonnenten zu verlieren, ist zu groß. Mich soll wundern, ob mein Mahnruf an die Kriegspoeten* Aufnahme findet ? Ich lasse mich nicht irre machen. Der Teufel hole die Feigheit und die ganze liberale Lauheit und Flauheit und Phrasenmacherei ! Jetzt heißt es: hic Rhodus, hic salta, und wer nicht tanzen kann, soll wenigstens nicht kriechen oder gar auf der Bärenhaut liegen. (Briefe, S. 343 - Gesammelte Werke, V, S. 196)

25.9.1872, Berlin, an Karl Gräf in Dresden

Gott erhalte mir meine Humor und meinen Feinden die Lust, diesen meinen Humor zu beleben !  (Briefe, S. 344)

13.9.1873, Schloß Corvey, an Karl Hirsche in Hamburg

Ich danke Dir, lieber Freund, für diese treffliche und zeitgemäße Predigt. Möchte sie doch allgemeine Verbreitung finden, besonders unter den überschwenglichen Reichsduselfritzen, die schon alles fix und fertig finden und jeden verketzern, der nur einen geringen Zweifel hegt an der Vortrefflichkeit des heutigen Staatswesens oder gar zu etwas Besserem mahnt und strebt. Die Presse ist reiner Klüngelkram geworden, sie gestattet nur hie und da ein Plätzchen für Ehrlichkeit und Wahrheit. Meine Zeitgedichte hatte ich im vorigen Jahre nach der Zeitfolge gesammelt und wollte sie drucken lassen. Es ging mir eigen damit: ein Verleger, den ich in Sicht hatte, wollte sie mir zuliebe drucken, aber nicht in Verlag nehmen.

Trotzdem fahre ich fort, mich auch auf politischem Gebiete poetisch auszusprechen, und kümmere mich nicht um Hinzen und Kunzen. Es ist für mich kein großes Opfer, wenn auch dies und das nicht gerdruckt wird, z:B. mein Sedanlied vom 2.September.

Ich habe den Tag gefeiert und bin froh, daß wir endlich zur Einheit gelangt sind - eine Abschlagszahlung für die ungeheuren Opfer, die das deutsche Volk gebracht hat. (...)Der Kampf mit den Ultramontanen ist auch bei uns entbrannt. Unsere Pfaffen haben ein Blatt gegründet, "Der Weserbote", ein würdiger Ausläufer der Berliner Germania, ebenso gemein an Lügen und Verleumdungen.(...)Die schwarze Bande versammelt sich jeden Freitag bei dem ultramontanen Konditor Hunstiger. (Briefe, S. 355)

21.12.1873, Schloß Corvey, an Adolf Strümpell in Wolfenbüttel

Ich wollte nur, daß ich noch eine neue Ausgabe meiner Gedichte erlebte ! Alle bisherigen Ausgaben sind vergriffen. Trotzdem dichte ich weiter, als gäbe es für mich kein Publikum und keine Buchhändler. (Briefe, S. 362)

Neujahrswunsch 1874

1.1.1874
An viele Freunde auf Postkarten gesandt,
(Quelle: Briefe, An meine Freunde)

Glück auf aus dieser trüben Zeit
voll Irrtum und Verworrenheit
empor zum reinen Himmelslicht
Für's Vaterland, für Ehr' und Pflicht!

So lange Gottes Sonn' uns scheint
des Reiches Freund, der Pfaffen Feind!
Glück auf! So ruf ich' s allen zu -
Ihr Freunde hört' s! So hör' s auch Du !

 

Die Welt steht wieder still,
als wäre sie am Ziel.
Der Fortschritt, den man will,
ist nur ein Börsenspiel.

Ermüdet und erschlafft
im zweifelhaften Glück
läßt Wille, Mut und Kraft
sich drängen schon zurück.

O unaussprechlich Leid
fürs deutsche Vaterland,
daß unsere große Zeit
so kleine Menschen fand !


Kurz vor seinem Tode schrieb er über sein "Lied der Deutschen"

Und ich sang von Deutschland wieder,
sang in Freud‘ und Hoffnung nur.
Doch mein "Deutschland über alles"
kam und war – Makulatur.

Am Bartholomäustage (24. August) 1872
(aus dem Nachlaß)



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Hoffmann von Fallersleben - Verfasser des Deutschlandliedes, seit 1922 die deutschen Nationalhymne. Autor von Kinderliedern, revolutionären Gedichten im Vormärz, Sprachforscher und Bibliothekar.

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